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CORONAKRISE
Chefarzt beklagt: Fußballer bevorzugt auf das Virus getestet?
Italien ist vom Coronavirus am stärksten betroffen. Die Serie A wird lange pausieren. Ein Chefarzt macht seinem Unmut über die Bevorzugung von Profis im  „Corriere della Sera“ Luft. Von Giovanni Deriu

 

Am 8. März beim Spiel Juventus Turin - Inter Mailand, Temperatur bei Fotografen wird gemessenVorsichtsmaßnahme am 8. März beim Spiel der Serie A Juventus Turin gegen Inter Mailand: Ordner messen die Temperatur bei einem akkreditierten Fotografen. Foto Pixathlon

 
Ein italienischer Chefarzt machte seinem Ärger Luft. Er schrieb dem "Corriere della Sera" wie schlecht das medizinische Personal in der Coronakrise behandelt wird – unter anderem verglichen mit Fußballprofis.
 
Die Lage in Europa ist angespannt und brenzlig. Das Coronavirus verändert unsere Gesellschaft gerade nachhaltig – besonders in unserer Freizeitgestaltung und Bewegungsfreiheit. Es scheint so, als hätte viele Leute, die mit sich selbst nichts anzufangen wissen, in Zeiten von Ausgangs- und Kontaktsperren, auch das Virus der Unruhe und Rastlosigkeit befallen. Die eigene Wohnung (wohl dem, der zumindest Hausbesitzer samt Garten ist) ist in 15 Tagen der Quarantäne schnell abgeschritten.
 
In Italien soll der komplette Shutdown noch fast bis zum Sommer dauern. Kann das denn noch lange so gut gehen? Viele in Deutschland wundern sich, dass es ausgerechnet die so freiheitsliebenden Italiener, deren Leben sich in und vor den Bars sowie auf der Piazza abspielt, so ganz diszipliniert aushalten in der Massenisolation. Das Land geht allerdings schon jetzt am Stock.
 
Und die Italiener wiederum wundern sich über das Verhalten der Deutschen, die in dieser großen Pandemie, quasi nur halbherzig Konsequenzen ziehen, während ihre Regierung in Rom Land und Leute komplett abschottet. Haben die Deutschen etwa einen Pakt mit dem Teufel, sorry, Virus, geschlossen?
 
Während in der Lombardei die Fall- und Todeszahlen das Land aufwühlen, stirbt in Deutschland am Virus selbst kaum wer, oder gehen sie mit dem Covid19-Virus von uns, aber nicht seinetwegen? Hat Deutschland tatsächlich die besseren Mediziner und Virologen oder die bessere Hygiene in den Kliniken? Oder bereinigte Statistiken?
 
Es scheint aber auch so, als sei in dieser Krise abermals ein Wettkampf der Länder und Experten ausgebrochen, bei dem vor allem die deutsche Seite keine Gelegenheit im Fernsehen auslässt, um zu betonen, nein, eine Situation wie in Italien, würde in Deutschland nicht eintreten, man sei gut vorbereitet, selbst wenn Chefärzte wie zum Beispiel Bernadett Erdmann vom Wolfsburger Klinikum, bereits jetzt vor einen „Kollaps in den Krankenhäusern“ warnen.
 
Was aber Italiener wie Deutsche in Zeiten des grassierenden Virus vereint? Es ist die Liebe zum Fußball und das Leiden über dessen Abwesenheit, ja, Unwichtigkeit. So war der Satz das Spiel  sei die schönste Nebensache der Welt nicht gemeint.
 
Außerderm vereint beide Länder der akute Mangel an Teststreifen, um das Coronavirus Covid-19 bei den Bürgern überhaupt flächendeckend feststellen zu können. In letzterem Fall wirken Deutschland und Italien fast wie absolute Pflegefälle. Unvorbereitet, unkoordiniert, und vielleicht ein Stück weit auch diskriminierend in der Frage, wer getestet wird?
 
Die Vorwürfe haben eine gewisse Qualität, besonders in einem Land, das fußballverrückt, in dem der Fußball an sich täglich Gesprächsthema ist. Wenn nicht über Ergebnisse diskutiert wird, dann doch über den Calciomercato, den Transfermarkt. Welcher Spieler oder Trainer für wie viele Millionen von Euro zu welchen Club wechselt und wer ihn dann wiederum ersetzt.
 
Der Fußball in der Serie A sowie die Bundesliga setzen jährlich Milliarden Euro um. Es ist ein eigener Wirtschaftszweig, an dem viele Arbeitsplätze hängen.
 
Jetzt, wo das Coronavirus das beliebte Spiel bis auf weiteres (bis Mitte, Ende April, oder noch länger?) unmöglich macht, werden viele Clubpräsidenten und Eigner sowie Sponsoren nervös. Die laufenden Kosten und Gehälter laufen weiter. Selbst wenn ein paar Stars medienwirksam (Eigen-PR zählt viel) auf Teile ihres Millionengehalts verzichten, werden einige Vereine wohl Konkurs anmelden müssen, je länger diese Krise andauert und der Fußball im Abseits steht.
 
Statt des Video-Assistenten entscheiden nun das Robert-Koch-Institut oder die Johns Hopkins University über Brot und Spiele. Das Volk möchte besonders in schweren Zeiten unterhalten werden. Es scheint, als wollen die Serie A und auch die Bundesliga bald wieder den Spielbetrieb aufnehmen, wenn auch vor leeren Zuschauerrängen. Ist das Virus denn wirklich (nicht) so gefährlich? So kommt es, dass die Clubs wohl durch die Bank weg alle ihre Spieler auf Corona getestet haben. Nur Wenige bisher, die positiv aufgefallen sind und in Quarantäne mussten. Aber doch fast in jedem Land gab es bisher Profis mit Corona-Infektion.
 
Den obligatorischen Dopingtest nimmt man meist nur widerwillig und ehrkäsig an, bei Corona jedoch langte man schnell zu den Testkits, die sonst aber überall fehlen. Hier kommt nun der eingangs erwähnte Brief von Chefarzt Nicola Mumoli aus der Abteilung für Innere Medizin der Klinik in Magenta, einer Stadt der Metropolregion Mailand, ins Spiel.
 
Gleich in der Überschrift klagt der Chefarzt an (man stelle sich vor, dies passierte in Deutschland), „Test-Abstriche für Fußballer sind möglich, für Ärzte jedoch nicht! Das ist diskriminierend“.
 
Dottore Mumoli belässt es aber nicht bei dieser Kritik am Fußballprofi allein, nein, er geht für sein Krankenhausteam in die Offensive, springt für seine Mitarbeiter in dieser schwierigen Zeit in die Bresche. Der Chefarzt: „Eine Kollegin von uns, stets ganz nah bei den Patienten, ist bei der Arbeit mit Covid-19 Patienten selbst krank geworden. Aber selbst nach vielen Anrufen bei nationalen Nummern, wurde ihr ein Testkit verweigert, während Fußballspielern, Schauspielern und Politikern, denen es an sich gut geht, immer geholfen wird.“ Weiter erklärt der Chefarzt der Inneren, die Ärztin habe die typischen Symptome des Virus angezeigt und konnte nicht getestet werden.
 
An die „Sehr geehrte Redaktion“, schreibt der frustrierte Arzt Nicola Mumoli weiter, er habe als Mediziner und Leiter der Abteilung der Inneren und seit zwei Jahren auch für die medizinischen Operationen im Klinkum Magenta verantwortlich, so eine Krise noch nie erlebt. Seit Wochen haben er und sein Team mit großem und konstantem Einsatz mehr als 130 Patienten mit Covid19 behandelt.
 
Das Engagement und der Einsatz eines jeden von ihnen, so der Chefarzt, nehme schon die Form von Arbeitstagen an, „die bekanntlich die Zeitpläne, die Ruhepausen und die Erholung missachten“, die sich aber vor allem und fast unerklärlicherweise aus jenem großzügigen Wahnsinn nähren, der seine Mitarbeiter und ihn selbst täglich dem gleichen Risiko aussetzen lasse, selbst infiziert zu werden.
 
Gegenwärtig, schreibt er im Brief an den Corriere, sind 2.629 Mitarbeiter des Gesundheitswesens infiziert. Das seien 8,3 Prozent der Gesamtzahl der betreffenden Personen – und unter ihnen wurden bereits 14 Todesopfer gezählt.
 
Jeder, nun ein bisschen emotionaler formuliert, habe seine Identität unter einer Maske versteckt, niemand von den Mitarbeitern habe jemals Sichtbarkeit gesucht, niemand hat bisher über sie gesprochen, weil solche Nachrichten nicht viel mehr Lärm machen, „als Gras, das wächst.“
 
Stattdessen sind die Zeitungen und Chroniken voll von Texten und News über die gute Verfassung von Fußballern, Schauspielern und Politikern. Es wird berichtet, wie diese Personen, genau wie meine Kollegen, schreibt Mumoli, „Kontakt mit positiv getesten Menschen und plötzlich Symptome des Virus hatten …“, die aber im Gegensatz zu seiner Ärztin einen Abstrich hätten machen lassen können. Genau so sei es aber im Gesundheitskontrollprogramm auch formuliert.
 
Grau ist alle Theorie.
Nicola Mumoli spricht im Brief dann das an, was man auch in Deutschland vermutet, man könne somit doch gar nicht wissen und dokumentieren, wer denn alles infiziert sei. Es nicht zu wissen, sondern nur die Hypothese einer Ansteckung mit dem Corona-Virus bei sich selbst festzustellen, gebe jedem, aber besonders Mumolis Kollegin, Anlass zur Sorge.
 
Es wächst zudem die Besorgnis darüber, der Arbeit nicht mehr nachgehen zu können, und außerdem verhindere die Richtlinie zudem, eine mögliche Einnahme antiretroviraler Medikamente anzuwenden.
 
Ohne den wahren Befund geht man also viele Risiken ein und schade womöglich nicht nur sich, sondern auch der Gesellschaft und dem Hilfesystem, indem man auf Verdacht nicht arbeiten kann und soll.
 
So kommt es, dass viele Mediziner und Pfleger der Gedanke befällt, es werde zwar draußen und über die Medien große Solidarität mit dem Gesundheitspersonal bekundet (so wie auch in Deutschland der Gesundheitsminister fast übertrieben das lobt, was für Ärzte und Pfleger selbstverständlich ist), überall hängen Transparente, tolle Parolen, so schreibt es Mumoli, die von allen verbreitet werden, aber in Wirklichkeit doch nur Diskriminierung und Heuchelei seien.
 
Nicola Mumoli vom Klinikum in Magenta schließt den Brief mit der Behauptung, wenn man die Wahl zwischen einem Fußballer und einem Arzt habe, gäbe es (für ihn) keine Zweifel (also, dass die Menge dem Fußballer den Vorzug geben würde), und „wir wären wieder dazu verurteilt, unter der Maske zu verschwinden“, die Mumoli und alle Mitarbeiter im medizinischen Bereich, jeden Tag mit großem Stolz tragen würden, und die einen Beruf ausüben, den „wir noch nie als Privileg, sondern als Pflicht betrachtet haben.“
 
Trotzdem wäre es für viele Menschen nicht gerade unwichtig, wenn mit dem Calcio und der Wiederaufnahme der Serie A, wieder ein bisschen Normalität eintreten würde...
 
Giovanni Deriu, RUND-Autor, analysiert Biografien und beschreibt gern Geschichten hinter den Ergebnissen.
 


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