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LEGENDÄRES STADION
Große Spiele auf nassen Holzbänken
Rammböcke aus dem Jura, billiger Weißwein aus dem Wallis und der Geruch von „YB-Würsten“: Fabian Brändle erinnert sich an Länderspiele der Schweizer und Cupfinals, im legendären Berner Wankdorf – Teil zwei.

 

Berner Wankdorf vor dem AbrissDer Berner Wankdorf vor dem Abriss 2001. Foto Imago

 

Für die Deutschen war das WM-Finale vom 4. Juli 1954 lange Jahrzehnte nicht zu toppen. Erst im Jahre 1974 wurde die BRD wieder Weltmeister im eigenen Land. Die Schweiz hingegen trug lange Jahrzehnte einige wichtige Länderspiele im Wankdorf aus, verlor viele davon, feierte jedoch auch einige wichtige Siege, so bei der „Renaissance“ des Schweizer Fussballs, der Qualifikation für die Fussballweltmeisterschaften des Jahres 1994 in den Vereinigten Staaten von Amerika, als im traditionsreichen „Derby“ gegen Italien ein hochwichtiger Einzunull-Sieg zu verzeichnen war. Aussenverteidiger Marc Hottiger vom FC Sion hatte das wichtige Siegtor aus ca. 13 Metern erzielt, und Goalie Marco Pascolo (Servette Genf), ausgerechnet der Sohn italienischer Einwanderer, war mit einigen spektakulären Paraden beispielsweise gegen die beiden Stürmerstars Alberto Mancini und Gian-Luca Vialli über sich hinausgewachsen. Ebenfalls im Wankdorf wurde das bescheidene Malta klar und deutlich mit 4:0 geschlagen und gegen den Hauptrivalen aus Portugal ein entscheidendes Unentschieden erreicht. Als Gruppenzweiter qualifizierte sich die Schweitz im Jahre 1994 schliesslich in einer starken Gruppe mit Italien, Portugal und Schottland unter dem englischen Trainer Roy Hodgson  erstmals seit 1966 wieder für eine WM.

Ich habe damals das Spiel gegen Portugal im bereits redimensionierten, trotzdem ausverkauften und von vielen portugiesischen Gastarbeitern und Fans bevölkerten Wankdorf als junger Student live mitverfolgt und fror erbärmlich auf den hölzernen, unbequemen, nassen Holzbänken. Das Wetter im November 1993 war nasskalt. Ich fror also trotz Wollpullover, dicker Jacke und trotz Mütze. Vom Grill her roch es nach gebrätelten Würsten, den legendären, etwas festtigen, aber aromatischen und scharfen „YB-Würsten“.  Jedesmal, wenn Luis Figo den Ball hatte, wurde ich unruhig. Der Außenstürmer treib die Bälle mit Macht nach vorne, erkannte jede Lücke in der Schweizer Verteidigung. Beinahe jedesmal wurde es gefährlich im Strafraum der Rotweissen, doch Goalie Marco Pascolo hatte einen weiteren Gnadentag erwischt.

Die Schweiz war in der ersten Halbzeit in Führung gegangen, doch dann übernahmen die Portugiesen um den noch jungen Luis Figo und um den langhaarigen Paolo Sousa das Spieldiktat und glichen verdient aus. Die Lusiitanier waren nun dominant standen zum Schluss dem Sieg eindeutig näher.

Doch nicht nur in Länderspielen putzte sich der Wankdorf festlich eraus. Auch die Pokalfinale, in der Schweiz „Cupfinals“ geheissen, waren eigentliche Feste und Zeremonien des Schweizer Fussballs. Zu Beginn wurde unter anderem die religiös-inspirierte Nationalhymne „Trittst im Morgenrot“ gespielt, die Stimmung war festlich, zumal, wenn die einheimischen „Young Boys“, die typische Pokalmannschaft schlechthin, der FC Sion aus dem Wallis, oder der FC Basel spielten und die Ränge entsprechend sehr gut gefüllt waren. Es war damals für einen jeden Spieler eine Ehre, im bereits legendären Wankdorf einzulaufen. Ich sah als Teenager zwei Endspiele m Wankdorf, einmal Servette Genf gegen den FC Sion, einmal die Young Boys gegen Sion. Beide Male gewannen die Wallser, die Aussenseiter und Underdogs. Es roch entsprechend nach billigem Weisswein, nach Fendant, und nach Raclette-Käse. Die Stimmung bei den teilweise stark alkoholisierten Gewinnern aus dem Wallis war ausgelassen. Dennoch strahlte der jeweils ausverkaufte Wankdorf irgendwie etwas Würdevolles, etwas Ewiges aus. Er hatte in seiner langen Geschichte schon viel gesehen, Gewinner und Verlierer. Es hiess nun, die Contenance zu bewahren. Tatsächlich mag ich mich nicht an Ausschreitungen oder an Hooligans erinnern, obwohl der unselige Hooliganismus zu jener Zeit Urstände feierte, auch in der kleinen Schweiz.

Der Wankdorf als ein von Emotionen begleiteter Erinnerungsort eignete sich auch vorzüglich für politische Manifestationen und symbolhafte Vereinnahmungen. Dessen waren sich jene französischsprachigen Jurassier, die eine Abspaltung vom mehrheitlich deutschsprachigen Kanton Bern vehement einforderten und später, in den 1980er Jahren bis hin zur Gegenwart, für eine Wiedervereinigung des Juras eintraten, sehrwohl bewusst. Die radikalen Jurassier waren Meister der symbolhaften Politik und rituellen Inszenierung, beschmutzen Denkmäler, verbrannten amtliche Dokumente öffentlich auf dem Bundesplatz in Bern, besetzten geschichtsträchtige Orte. Einmal entschieden sie sich für den Wankdorf als Ort einer bestimmten gewaltfreien Aktion:

Gleich neben dem Anspielkreis des Berner „Nationalstadions“ Wankdorf stand am 14. Mai 1983 in riesigen Lettern geschrieben: „Jura libre“ (freier Jura).

Auf der Sportagenda stand nur einen Tag später ein attraktives Fussballländerspiel zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland. Die „Béliers“ („Rammböcke“), so der bezeichnende Name der Sturmtruppe der radikalen Jurassier, gaben sich als Urheber des provozierenden, nicht löschbaren Schriftzugs aus Kalk zu erkennen.

Sie würden die jetztige Grenze, die den Jura in zwei Teile trenne, niemals anerkennen. Da das Freundschaftsspiel sowohl in der Schweiz als auch in der BRD am Fernsehen hohe Einschaltquoten erreichte und auch viele Fans in der Wankdorf lockte, war auch diese Aktion der radikalen vor allem jungen Jurassier im Buhlen um publicity ein propagandistischer Volltreffer.

 

Klicken Sie hier, um Teil eins der Geschichte des Berner Wankdorfs zu lesen. Zwei Uhrentürme und viele Erinnerungen

 

 



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