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RAFAEL VAN DER VAART
„Ich bin kein König, verstehen Sie?“
Rafael van der Vaart hat in wenigen Monaten und mit erst 23 Jahren das geschafft, was vor ihm nur Kevin Keegan gelungen ist: dem Hamburger SV Stil, Glanz und internationale Klasse zu verleihen. Wahrnehmen will der Mittelfeld-Genius das allerdings nicht. In bestem Rudi-Carrell-Deutsch versucht er sich und seine Fähigkeiten klein zu reden. Interview Malte Oberschelp und Rainer Schäfer

Rafael van der Vaart
"Wenn ich verliere, dann werde ich richtig böse": Rafael
van der Vaart kann auch ein Hitzkopf sein Foto Dirk Messner


RUND: Herr van der Vaart, Sie sind noch nicht lange in Hamburg, aber haben schon den gesamten HSV verändert, verleihen ihm Stil und Glanz. Wie kriegen Sie das hin?

Rafael van der Vaart: Ich habe hier immer ein gutes Gefühl gehabt. Bei Ajax hatte ich Probleme, ich habe nicht mehr so gut gespielt. Ich wollte etwas anderes, und da ist Hamburg gekommen. Für mich ist wichtig, dass im ganzen Verein sehr gute Leute arbeiten. Dann kann ich gut spielen. Aber ich allein kann nicht viel ausrichten, wenn ich in einer Gurkentruppe spiele.

RUND: Sie weichen aus. Wir haben den Eindruck, dass Sie das gewisse Etwas sind, das dem HSV bislang gefehlt hat. Wissen Sie überhaupt, dass Sie besondere Fähigkeiten haben?

Rafael van der Vaart: Vielleicht, vielleicht. Darum bin ich auch nach Hamburg gekommen und habe lange mit dem Trainer gesprochen. Der hat gesagt, dass ich ein Spieler bin, den es in seiner Mannschaft noch nicht gibt. Da habe ich ihm gesagt: Natürlich will ich kommen.

RUND: Man vergleicht Sie und Ihre Frau Sylvie gerne mit den Beckhams. Sie legen nicht viel Wert auf solche Vergleiche.
Rafael van der Vaart: Ich bin immer ganz normal gewesen. Ich habe eine Frau, die in Holland sehr bekannt ist und jetzt auch ein bisschen in Deutschland. Dass wir zu den neuen Beckhams gemacht werden, ist normal. Aber ich will Fußball spielen und Spiele gewinnen. Es ist nicht so wichtig für mich, was andere Leute sagen.

RUND: Sie wollen keine Privilegien wie Beckham haben?

Rafael van der Vaart: Natürlich will ich ein Führungsspieler sein. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich der Superstar bin. Ich bin nicht mehr wert als ein anderer Spieler. Wenn die anderen im Wald laufen, laufe ich auch im Wald. Ich bin kein König, verstehen Sie?

RUND: Wie hat der Trainer Ihre Aufgaben im HSV-Spiel definiert? Geben Sie ihm den Rhythmus?
Rafael van der Vaart: Er möchte, dass ich hinter den Stürmern spiele, aber auch selbst torgefährlich bin und viele Vorlagen gebe. Aber vor allem hat Thomas Doll gesagt: Du kannst nach rechts gehen, nach links, du hast eine freie Rolle. Das ist für mich und mein Gefühl sehr wichtig.

RUND: Mögen Sie es nicht, in einem Korsett zu spielen? Brauchen Sie Platz, um sich zu bewegen?
Rafael van der Vaart: Ja. Für mein Spiel ist es wichtig, dass ich immer etwas machen kann und wir nicht ständig stehen, die zwei Stürmer und ich dahinter. Wenn wir rochieren, ist es für die anderen Mannschaften schwer zu verteidigen.

RUND: Vom holländischen Fußball heißt es, dass die Spieler immer sehr auf ihre Positionen fixiert sind.
Rafael van der Vaart: Hier wird anders gespielt, mit mehr Freiheit. In Holland gibt es diese Rolle nicht, die Marcelinho, Ballack oder ich spielen. Da spielst du auf einer festen Position. Für mich ist das Spiel in Deutschland besser, seit ich mich daran gewöhnt habe, dass hier sehr viel gelaufen wird. Als ich herkam, sind wir erst mal nur gelaufen. Ich habe irgendwann gefragt: Machen wir auch noch was mit dem Ball? Ich hatte gar kein Gefühl mehr in meinem Fuß.

RUND: Beim HSV gibt es eine holländische Achse: Boulahrouz, de Jong, van der Vaart. Fast wie früher bei Milan.
Rafael van der Vaart: Ich hoffe, dass wir auch so viel erreichen.

RUND: Die holländische Fraktion spielt gut, ist aber auch locker. Tut das dem HSV gut?
Rafael van der Vaart: Das ist immer wichtig. Man muss viel arbeiten im Training, aber in der Kabine geht es locker zu. Natürlich ist es nicht so, dass wir drei Holländer immer zusammen sind, wir öffnen uns und sprechen viel mit den anderen.

RUND: Sie haben beim HSV viele Freiheiten auf dem Platz. Wie ist es in der Nationalmannschaft?
Rafael van der Vaart: Wir haben jetzt unter Marco van Basten etwas mehr Freiheit. Das ist viel besser.

RUND: Aber das 4-3-3 in der holländischen Nationalmannschaft ist doch eine Glaubensfrage, die die ganze Nation bewegt.
Rafael van der Vaart: Nein, nicht mehr. Die Leute sehen jetzt auch, dass 4-3-3 nicht immer gut ist. Jedes Spiel verläuft anders. Wenn der Gegner mit einem Stürmer spielt, wozu brauchst du dann vier Verteidiger?

RUND: Also setzt sich in Holland langsam die Erkenntnis durch, dass man verschiedene Systeme spielen können muss.
Rafael van der Vaart: Ja, man muss flexibel sein. Ajax hat gemerkt, dass sie mit ihrem 4-3-3 keinen guten Fußball mehr spielen, weil sie keine Rechts- und Linksaußen mehr haben. Die guten Flügelstürmer sind im Ausland, Ajax muss jetzt mit zwei Spitzen spielen. Eindhoven spielt auch 4-4-2.

RUND: Hat ein 4-4-2 Vorteile?
Rafael van der Vaart: Beim HSV haben wir dadurch mehr Grip im Mittelfeld. Normal bist du da zu dritt. Von meinem Gefühl her ist das besser. Aber wenn Holland mit drei Stürmern spielt, mit Außenstürmern wie Arjen Robben, dann bekommt nicht nur Deutschland große Probleme.

RUND: Bei der WM spielt die holländische Mannschaft also 4-3-3.
Rafael van der Vaart: Ja. Van Basten vertraut auf 4-3-3. Aber wenn unser Spiel nicht läuft, probieren wir es anders. Mit zwei großen Stürmern und langen Bällen.

RUND: Beschäftigen Sie sich viel mit Taktik?
Rafael van der Vaart: Nein. Es geht elf gegen elf, du musst gewinnen und ein schönes Spiel machen. Wie das läuft, ist mir egal.

RUND: Die holländische WM-Gruppe hat es in sich. Argentinien, Elfenbeinküste, Serbien und Montenegro.
Rafael van der Vaart: In Holland wurde bei der Auslosung viel über Lothar Matthäus geredet. Die Leute waren etwas sauer. Matthäus hat eine Kugel zurückgelegt und eine andere dafür genommen.

RUND: Das macht er immer so. Die Nationalmannschaft hat immer Klassespieler, aber ist sie auch ein Klasseteam?
Rafael van der Vaart: Jetzt spielen wir gut zusammen. Ich habe das Gefühl, dass wir gute Spieler haben, aber auch Spieler für die Kraft, wie Boulahrouz. Eine gute Mischung, nicht nur Spieler, die alle nur gut am Ball sind.

RUND: In der Vergangenheit gab es viele Probleme zwischen den Spieler aus den ehemaligen Kolonien und den Weißen. Läuft es jetzt besser, weil weniger Spieler von dort dabei sind?
Rafael van der Vaart: Das kann sein, aber damals war ich nicht dabei.

RUND: Van Basten legt wenig Wert auf Egozentriker.
Rafael van der Vaart: Ich glaube, dass er danach guckt. Aber es ist nicht schwierig mit Kluivert, er ist ein sehr guter Typ. Auch Seedorf ist ein großer Spieler, er hat dreimal die Champions League gewonnen. Aber in der Nationalmannschaft geht es nicht zusammen. Warum, weiß ich nicht.

RUND: Sie sind wichtig, weil Sie einer der wenigen Spielmacher sind, die dazu noch torgefährlich sind. Woher kommt das?
Rafael van der Vaart: Ich habe wohl eine Nase für das Tor. Das ist Gefühl für diese Position, das habe ich schon mein ganzes Leben gehabt. Das mag auch an der Ausbildung liegen. In Holland wird man ermutigt, etwas Besonderes mit dem Ball anzufangen: Hier ist ein Ball, spiel, mach schöne Tricks.

RUND: Bei den Tricks sagen die deutschen Trainer, Sie sollen nicht zaubern.

Rafael van der Vaart: Das kann man später sagen. Wenn du in der ersten Mannschaft spielst, dann kannst du ein-, zweimal im Spiel einen Trick machen, nur nicht zu oft. Aber wenn du klein bist, lassen die Trainer dich machen.

RUND: Waren Sie auch in der Jugend ein Gewinnertyp, der Spiele entscheiden konnte?

Rafael van der Vaart: Ja, ich konnte Spiele entscheiden, aber ich war nicht der Torkönig. Seit zwei, drei Jahren bin ich torgefährlicher geworden.

RUND: Haben Sie schon immer im Mittelfeld gespielt?
Rafael van der Vaart: Früher war ich ein Stürmer. Als ich klein war, war Romario mein Vorbild. Ich wollte immer Tore schießen wie er.

RUND: Was hat Ihnen an Romario so gefallen?

Rafael van der Vaart: Er war oft aus dem Spiel. Und dann gab es einen Moment, zack, und er macht das Tor. Wenn ich ihn mit Eindhoven im Fernsehen geschaut habe, war er mein Lieblingsspieler. Wegen Romario wollte ich Fußballprofi werden. 1994 bei der WM hat er gegen Holland getroffen, seitdem ist er nicht mehr mein Lieblingsspieler.

van der Vaart im HSV-Stadion
"Ich bekomme den Ball, ich schau auf den Ball und weiß,
da ist das Tor": Rafael van der Vaart ist derzeit erfolgreichster Torschütze des HSV Foto Dirk Messner



RUND: Sie haben im UI-Cup ein fantastisches Tor mit geschlossenen Augen geschossen. Spüren Sie, wenn etwas Besonderes passiert?
Rafael van der Vaart: Das nicht. Aber du darfst auch nicht viel nachdenken. Wenn du das tust, ist es zum Schießen zu spät. Wenn ich die Tore sehe, die ich gemacht habe, da habe ich nicht nachgedacht – nur geschossen. Und ein paar Monate ging alles rein, unglaublich. Ich bekomme den Ball, ich schau auf den Ball und weiß, da ist das Tor.

RUND: Sie müssen nicht schauen, wo Sie hinschießen wollen?
Rafael van der Vaart: Ich habe das Gefühl, da ungefähr ist das Tor, dann schieße ich. Wenn der Ball den Fuß verlässt, spüre ich, ob der Schuss für ein Tor reicht oder nicht.

RUND: Sie treffen häufig aus der Distanz. Üben Sie das speziell?
Rafael van der Vaart: Freistöße, das gibt mir ein gutes Gefühl. Dann bin ich auch torgefährlicher, aus 20 Metern.

RUND: Wie kann man sich Ballgefühl antrainieren?

Rafael van der Vaart: Ich habe als kleines Kind mit meinem Vater trainiert, ich wohnte damals auf einem Campingplatz. Wenn mein Vater von der Arbeit kam – er hat in einer Waagenfabrik gearbeitet – dann hat er immer zwei Flaschen Bier getrunken. Danach sind wir nach draußen gegangen und haben die Flaschen aufgestellt, vielleicht 30 Meter entfernt. Dann habe ich versucht, die Flaschen umzuschießen. Das habe ich immer gemacht. Es hat offenbar geholfen.

RUND: Ihr Vater war fußballinteressiert.
Rafael van der Vaart: Ja, er hat gut gespielt, aber er hatte nicht die Mentalität für einen großen Verein. Mein kleiner Bruder Fernando spielt auch auf einem hohen Niveau. Aber wenn du in einem professionellen Klub spielst, dann geht es nicht allein um Talent. Dann geht es auch um den Kopf: Ich will nicht mit den Freunden in die Diskothek gehen.

RUND: Ist Ihnen das schwer gefallen?
Rafael van der Vaart: Nein, mir nicht. Ich wusste, das hat auch mein Vater immer wieder gesagt, dass ich so viel Talent habe, dass ich alles geben muss.

RUND: Wo stehen Sie in Ihrer Entwicklung? Uli Hoeneß hält Sie für einen guten Spieler, aber Sie hätten noch kein internationales Format. Woran müssen Sie arbeiten?
Rafael van der Vaart: Vielleicht mein rechtes Bein, vielleicht muss ich meinen Körper etwas stärker machen. Aber ich stehe erst am Anfang meiner Karriere, ich bin 23. Ich glaube, wenn ich 26 bin, dann muss ich bei 100 Prozent sein.

RUND: Aber Sie sind zufrieden, wie es bisher gelaufen ist.
Rafael van der Vaart: Natürlich! Ich bin 23, ich habe 35 Länderspiele mit sechs Toren gemacht, in Holland über 70 Tore, das ist ein Traum. Aber Zidane oder Ronaldinho, das sind Spieler, die sind so gut.

RUND: Wollen Sie werden wie Zidane?
Rafael van der Vaart: Er ist mein Favorit. Wenn er spielt, sieht alles so einfach aus, das mag ich.

RUND: Ist Deutschland die richtige Station zu einer Weltkarriere? In Holland waren viele überrascht, dass Sie nach Hamburg gegangen sind.

Rafael van der Vaart: Alle!

RUND: Der HSV hat Ihnen auch die schönen Seiten Hamburgs gezeigt, um Sie zu überzeugen.

Rafael van der Vaart: Sie haben Sylvie die Stadt gezeigt, ich habe mir das Spiel gegen Gladbach angeschaut. Wenn die Leute in Holland Hamburg sagen, denken sie an eine unangenehme, regnerische Stadt. Aber als ich herkam, war es eine Superstadt. Ich habe mich sofort in unser Stadion verliebt.

RUND: Und wer hat die Wohnung eingerichtet?

Rafael van der Vaart: Meine Frau guckt immer auf solche Sachen, dass die Decken hoch genug sind, damit unsere Schränke reinpassen. Dazu habe ich keine Lust. Ich habe gesagt, mach es ein bisschen schön, mit einem guten Fernseher. Das ist wichtig für mich, um Spiele zu gucken. Meine Frau ist mehr zu Hause als ich, sie muss sich wohl fühlen.

RUND: Ihre Mutter ist Spanierin. Können Sie sich vorstellen, dort zu spielen?
Rafael van der Vaart: Einmal in Spanien Fußball zu spielen ist ein Traum von mir. Aber dann würde ich nur in eine Topmannschaft wollen. Aber ich will hier alles für den HSV geben.

RUND: Sprechen Sie Spanisch?
Rafael van der Vaart: Ich verstehe ganz viel, sprechen tue ich nicht so viel. Als ich klein war, konnte ich es besser. Aber wenn man zwei Monate da ist, geht es wieder. Meine Familie wohnt noch da, Großvater, Großmutter, in der Nähe von Cádiz. Wir fahren jedes Jahr dahin.

RUND: Holland ist überall für Toleranz und Liberalität bekannt. Wie kommt es da, dass es im Fußball unter den Fans einen Hass gibt, den man anderswo nicht kennt?
Rafael van der Vaart: Ich weiß es nicht. Ist das in Deutschland nicht so schlimm?

RUND: Nein. Niemand macht ein Transparent oder initiiert einen Sprechchor, weil Sebastian Deisler in psychiatrischer Behandlung war. Oder ruft „Judenklub“.

Rafael van der Vaart: Das mag ich an Deutschland. Aber in Holland ist es anders. Ich habe schon gespielt, und das ganze Stadion hat gerufen, dass Sylvie eine Hure ist. Da frage ich mich: Was ist hier los? Holland hat viele gute Seiten. Aber der Fußball bringt etwas Negatives in die Leute. Wenn Feyenoord gegen Ajax spielt, dann ist überall Polizei, Helikopter, das ist kein Fußballspiel mehr. Man denkt fast, dass die Leute zum Fechten oder Kämpfen ins Stadion gehen.

RUND: Aber woran liegt das? Die verschiedenen Kulturen leben in Holland doch ganz gut zusammen.
Rafael van der Vaart: In Deutschland kann man eher ein Star sein. Ballack ist der große Star. Niemand sagt, er sei arrogant. Wenn du in Holland zu gut bist, dann reden die Leute. Das wollen sie nicht. Sie wollen dass du normal bist. Ich bin normal, Seedorf ist normal. Aber die Leute wissen das nicht, sie kennen uns Spieler nicht.

RUND: Sie sind auf dem Platz manchmal ein Hitzkopf, es gab auch schon eine rote Karte. Was muss man tun, um Sie zu reizen?
Rafael van der Vaart: Gegen uns gewinnen! Wenn ich verliere, dann bin ich richtig böse. Aber das ist nur auf dem Platz. Wenn ich nach Hause komme, ist es wieder vorbei. Eine Stunde nach dem Spiel bin ich wieder normal.

RUND: Sie brauchen ein ruhiges Umfeld. Ohne Ihre Frau, sagen Sie, können Sie nicht ruhig Fußball spielen.
Rafael van der Vaart: Meine Frau ist wichtig. Ich kann mit Sylvie gut über alles sprechen. Wenn zu Hause alles gut läuft und stabil ist, kann ich optimal Fußball spielen.

RUND: Sie werden im Juni Vater.
Rafael van der Vaart: Es wird ein Junge.

RUND: Sind Sie auch bei der Schwangerschaftsgymnastik, um richtig atmen zu lernen?

Rafael van der Vaart: Dafür habe ich nicht genug Zeit. Ich hoffe, das Baby kommt noch vor der WM, sonst kann es schwierig sein, bei der Geburt dabei zu sein. Ich möchte unbedingt dabei sein. Sylvie hat aber schon gesagt: Wenn ein wichtiges Spiel ist, dann musst du spielen, Rafael.

Das Interview ist in der RUND-Ausgabe #10_05-2006 erschienen



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