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INTERVIEW
„Wir gehen diesen Weg, damit andere sich trauen“
Mesut Özil ist stilprägend im Spiel der deutschen Nationalmannschaft. Im RUND-Interview erzählen er und sein Vater Mustafa, warum er sich nicht für die türkische Auswahl entschieden hat. Interview Mathias Heybrock


Mustafa und Mesut Özil

„Es ist uns leicht gefallen“: Mustafa Özil mit Sohn Mesut Foto Mareike Foecking


RUND: Mesut Özil, Sie haben die türkische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Warum haben Sie sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden?

Mesut Özil: Ich habe jetzt nur noch den deutschen Pass. Vergangene Woche waren wir auf dem türkischen Konsulat und haben die Formalitäten erledigt. Für die deutsche Nationalmannschaft habe ich mich nach Gesprächen mit meinem Vater und der ganzen Familie entschieden.

RUND: Herr Özil, ist Ihnen dieser Schritt schwer gefallen?

Mustafa Özil: Er ist uns leicht gefallen. Ich bin mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen, ich lebe und arbeite seit nun bald 40 Jahren in diesem Land. All unsere Kinder sind hier geboren, ich selbst habe die deutsche Staatsbürgerschaft.

RUND: Haben sich beide Fußballverbände um Mesut bemüht?

Mesut Özil: Der türkische Verband suchte den Kontakt zuerst. Es wurden Telefonnummern ausgetauscht, und ich sollte zu einigen Testspielen eingeladen werden.
Mustafa Özil: Wir hatten allerdings das Gefühl, dass die sich etwas halbherzig kümmern. Beim DFB war das anders. Zudem hatte Mesut ja auch schon jahrelang in Auswahlmannschaften gespielt – in der Westfalenauswahl und der Niederrheinauswahl. Wir haben überlegt, wo seine Zukunft liegt. Und wir fanden, sie liegt in der Bundesliga und beim DFB.

RUND: Mesut, was zählt im Verein? Die Leistung? Oder spielt der kulturelle Hintergrund auch eine Rolle?
Mesut Özil: Ich würde sagen, dass heute nur die Leistung zählt. Aber in der Jugend war das schon noch ein bisschen anders.
Mustafa Özil: Mesut hat immer auf hohem Niveau gespielt, er wurde immer in den nächst höheren Jahrgang vorgezogen – wegen seiner Leistung. Und trotzdem hatte er es schwerer. Das gilt für alle Spieler mit ausländischen Wurzeln: Sie müssen sich doppelt so sehr anstrengen, um berücksichtigt zu werden; sie müssen viel mehr tun, um die Chance zu erhalten, sich weiterzuentwickeln. Das sage ich nicht aus dem Bauch heraus. Das ist eine Tatsache, die ich jahrelang beobachten musste.

RUND: In der Nationalmannschaft gibt es heute längst Spieler, die zum Beispiel polnische Wurzeln haben. Türkische Namen dagegen findet man selten. Schon gar nicht in einer Größenordung, die dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Warum nicht?
Mesut Özil: Aus meinen Jahrgang kenne ich viele Jugendliche, deren Eltern sagten: „Wenn überhaupt, dann spielst du für dein Herkunftsland.“ Und zwar lange, bevor der deutsche Verband überhaupt anklopfen konnte.
Mustafa Özil: Da spielt der Nationalstolz schon eine Rolle, weil die erste Generation der Einwanderer sich in dieser Gesellschaft zwar geduldet, aber eben nicht zu Hause fühlte. Heute ist es ja nicht mehr so, doch in den 70ern war es für Türken nahezu unmöglich, eine Wohnung in einer etwas besseren Gegend zu bekommen. Sie mussten alle in die Randgebiete – und sich später den Vorwurf anhören, sie würden sich abschotten. Insofern muss man Verständnis dafür haben, dass manche ihren Sohn nicht für Deutschland spielen lassen wollen.

RUND: Sie stellen eher die Ausnahme dar?
Mustafa Özil: Ich denke anders als viele aus meiner Generation. Deswegen musste ich mir durchaus auch Worte wie „Verräter“ anhören.

RUND: Nachdem Mustafa Dogan sich Mitte der 90er Jahre für den DFB entschieden hatte, ist er von Türken ausgepfiffen worden.

Mustafa Özil: Ja, damals war das bestimmt noch schlimmer als heute. Doch auch mein eigener Schwager hat dagegen protestiert, dass Mesut für den DFB spielt. Es sind eben Wunden zurückgeblieben. Allmählich wird es besser, wenngleich wohl nicht von heute auf morgen.

RUND: Hatten Sie bei Ihrer Entscheidung für den DFB auch die Signalwirkung im Auge?

Mustafa Özil: Wir wollen mithelfen, dass der Integrationsprozess vorankommt. Die andere Seite tut das inzwischen ja auch – der DFB hat sich sehr um Mesut bemüht. Als Schalkes Manager Andreas Müller dem DFB-Sportdirektor Matthias Sammer unsere Entscheidung mitteilte, hat der sich total gefreut. Wenn ein Spieler so etwas merkt, dann fühlt er sich automatisch anerkannt und gleichberechtigt. Und wenn Mesut dann mit der Nummer zehn in der deutschen U19 aufläuft – das hat das tatsächlich auch eine Signalwirkung: Wir gehen diesen Weg, damit andere sich das auch trauen.


Das Interview ist in RUND #21_04_2007 erschienen

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