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DAS DERBY IN GLASGOW
„Die besten Fans der Welt“
Wo einst blanker Hass herrschte, ist mehr Gelassenheit eingekehrt. Das Derby Glasgow Rangers gegen Celtic ist dennoch einzigartig, sagt der einstige Celtic-Profi Andreas Hinkel. Von Elmar Neveling.


Andreas Hinkel
Zweikampf im Glasgower Derby: Andreas Hinkel
hat das Old Firm schon mehrmals auf dem Platz miterlebt. Eine Szene aus Celtic Glasgow - Glasgow Rangers 2:1, am 4. Mai 2010 mit Kenny Miller (Rangers, M.,) Hinkel (l.) und Aiden McGeady (beide Celtic)
Foto Pixathlon




Was Andreas Hinkel aus Glasgow berichtet, klingt unglaublich. Seit drei Jahren steht der ehemalige Stuttgarter bei Celtic unter Vertrag, dem katholischen Klub und Rivalen der protestantischen Glasgow Rangers. Inzwischen, so Hinkel, gebe es Fans, die sich als Katholiken für die Rangers oder als Protestanten für Celtic begeistern können – ein zu früheren Zeiten undenkbarer Verrat.

Im Zeitalter der Globalisierung hat das einst hasserfüllte Glasgower Derby seine ganz große Brisanz verloren. Möglich machten dies Spieler verschiedenster Nationalitäten und Religionen, die inzwischen auf beiden Seiten zu finden sind. Wo einst Maurice Johnston massiv bedroht wurde, weil er als Katholik und früherer Celitc-Profi für die Rangers auflief, ist heute mehr Gelassenheit eingekehrt, die Gemüter haben sich ein wenig abgekühlt.

Das Derby bleibt dennoch einzigartig, selbst erfahrene Fußballprofis bemühen Superlative, um die Stimmung in Glasgow zu beschreiben. „Die Celtic-Fans sind einzigartig, sie gehören definitiv zu den besten der Welt und stehen wie eine Wand hinter ihrem Team. Und da ich schon in vielen Stadien der Welt gespielt habe, kann ich sagen, dass es kaum besser geht.“ Hinkel muss es wissen. Ihn faszinierte die Atmosphäre bereits im Februar 2003 bei seinem UEFA-Cup-Auftritt mit dem VfB Stuttgart im Celtic Park, der im Volksmund aufgrund seiner Friedhofsnähe auch „Paradise“ genannt wird. Die Begeisterung des früheren Stuttgarters ist verständlich. Sicher, es gibt „el clásico“ zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, den Revierschlager zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04, das Mailänder Derby zwischen Inter und dem AC. Oder die Rivalität zwischen Betis und dem FC Sevilla, die Hinkel bereits während seiner Zeit in Andalusien kennen lernte. Auch wenn er nüchtern feststellt: „2 Tore, 11 gegen 11, 90 Minuten – das ist überall gleich, ob in Deutschland, Spanien oder Schottland.“ Sicher. Und dennoch ist alles anders.

Denn in Europa reicht keines dieser Spiele an ein Duell heran, das nicht nur eine Stadt, sondern ein ganzes Land wie an der Trennlinie gezogen spaltet. Aufgrund der besonderen Historie vermischt das Old Firm Sport und Religion wie kein zweites Derby. Weltweit offenbart nur der „Superclásico“ in Buenos Aires zwischen Boca Juniors und River Plate eine ähnliche Brisanz, oft begleitet von blankem Hass. Old Firm – Ein Duell, das in Sachen Leidenschaft, Einsatz, Lautstärke und gegenseitiger Feindseligkeiten die Dimensionen sprengt. Ein Aufeinandertreffen, bei dem der ohnehin schon schnörkellos direkte und körperbetonte schottische Fußball noch eine Steigerung an Intensität erfährt. Mit Kampf um sprichwörtlich jeden Zentimeter Rasen, der noch nicht umgepflügt wurde.

Celtic gegen Rangers – bei dieser Rivalität geht es um Fragen des Glaubens, der Herkunft sowie der sozialen Klassenzugehörigkeit. Auf der einen Seite das irisch orientierte und 1887 gegründete Celtic, das seinen Ursprung bereits durch das grün-weiß gehaltene Trikot verdeutlicht, das den Landesfarben irischer Einwanderer nachempfunden ist. Auf der anderen Seite die protestantischen und 1873 gegründeten Rangers, die sich als Unionisten der englischen Krone verpflichtet fühlen und deren Kluft an den Union Jack angelehnt ist, der Nationalflagge des britischen Empires. Die Celts aus Irland waren während der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts in das prosperierende Glasgow eingewandert und hatten sich dort mit der Zeit „abgeschottet“. Auch deshalb, weil ihnen Teile der heimischen Bevölkerung aus Furcht um ihre Arbeitsplätze und ihre soziale Klassenzugehörigkeit mit Distanz begegneten. Noch bis 1989 verpflichteten die Rangers ausschließlich Spieler protestantischer Konfession. Bis dahin ein „unwritten law“, ein ungeschriebenes Gesetz.

 
 

 

Andreas Hinkel

„Die Celtic-Fans sind einzigartig, sie gehören definitiv zu den besten der Welt und stehen wie eine Wand hinter ihrem Team", sagt Andreas Hinkel. Foto Sebastian Vollmert

 

In jenem Jahr erlebte die erbitterte Rivalität einen traurigen Höhe- und Wendepunkt zugleich, als Maurice „Mo“ Johnston es wagte, vom französischen Klub FC Nantes zu den Rangers zu wechseln. Nicht nur dass Johnston zuvor einige Jahre für Celtic gespielt hatte: Schlimmer noch, er trug als erster Katholik das blaue Trikot der Rangers. Zu allem Überfluss hatte der Angreifer noch kurz zuvor erklärt, unbedingt zurück zu Celtic wechseln zu wollen. Unbeeindruckt der folgenden Anfeindungen aus beiden Fanlagern überzeugte Johnston sportlich und traf in zwei Jahren und 100 Partien 46 Mal für die Rangers ins Schwarze. Seine Pionierarbeit ebnete den Weg dafür, dass heute Spieler unterschiedlicher Konfessionen für beide Klubs auflaufen können. Nicht unbedingt geliebt, doch zumindest geduldet.

Weiter aufgelockert hat sich die aufgeheizte Stimmung, seitdem sich auch die schottische Premiere League den Marktgesetzen nicht mehr verschließen kann und inzwischen ausländische Spieler die Glanzpunkte in der Liga setzen. „Durch die vielen internationalen Spieler vermischt sich der Fußball mit anderen Spielkulturen“, stellt Andreas Hinkel fest. Doch der Effekt geht noch weiter und kühlt die überhitzten Gemüter. Beschimpfungen fallen schwer, wenn sich die simple Welt des Schwarz-Weiß-Denkens plötzlich vermischt. Für Entspannung gesorgt haben auch gemeinsame Aktionen beider Klubs, in denen sie sich vehement gegen jegliche Diffamierung oder Gewalt aussprechen.

Beide Klubs eint außerdem der Wunsch, die schottische Liga baldmöglichst zu verlassen und in die englische Premiere League zu wechseln. Zu groß ist ihre Dominanz in der Heimat, als dass es für sie noch sportliche Herausforderungen gäbe. Die letzten 22 Meistertitel wurden allesamt entweder an Celtic oder Rangers vergeben, zuletzt konnte sich 1985 der FC Aberdeen gegen diese erdrückende Übermacht durchsetzen. Celtic wurde bis heute insgesamt 41 Mal Meister, Rangers 51 Mal – zugleich der Weltrekord an Meistertiteln. Die Meisterschaft erschöpft sich in der ungemein spannenden Frage: Wer von beiden wird’s diesmal?

Die schwache nationale Konkurrenz ist ein Grund dafür, weshalb seit 1972, als die Rangers den Europapokal der Pokalsieger gewannen, kein Glasgower Team mehr einen Titel auf europäischer Bühne errungen hat. Die Teilnahme von Celtic am UEFA-Cup-Finale 2003 (2:3 nach Verlängerung gegen José Mourinhos FC Porto) war bloß ein positiver Ausreißer in einer Liste von Ernüchterungen. Doch die Widerstände von schottischem und internationalem Fußballverband verhinderten bisher einen Ligawechsel, denn ohne ihre beiden Zugpferde fiele die Scottish Premiere League in die internationale Bedeutungslosigkeit ab.

Hinkel kümmern diese Gedankenspiele jedoch wenig. „Für Verein und Fans sind dies die wichtigsten Spiele im Jahr“. Wenn seine „Bhoys“ gegen die „Gers“ antreten und die Stadt sich mal wieder in die Farben grün und blau spaltet. Wenn ahnungslose Touristen auf eben diese Farben bei ihrer Kleiderwahl lieber verzichten sollten und sich ein erstaunliches Repertoire schottischer Schimpfwörter erlernen lässt. Wenn in den Celtic-Kneipen „The Fields of Athenry“, ein politisch motiviertes irisches Folklied aus den 1970ern über Hungersnot, so lange erklingt, bis das Trommelfell dröhnt. Wenn in den Rangers-Kneipen das blutrünstige Schlachtlied „Billy Boys“ ertönt, das in den 1930er-Jahren von einer Glasgower Straßengang in Kämpfen gegen die Katholiken verwendet und wegen seines brutalen Textes inzwischen im Stadion offiziell verboten wurde. (Kostprobe: „Wir stehen bis zu unseren Knien im Blut der verdammten Iren, gebt auf oder ihr werdet sterben.") Wenn die Fans 90 Minuten ununterbrochen bis zum Stimmenverlust durchsingen und die Kreativität ihrer Texte keine Grenzen kennt. Dann ist wieder Derbytime in Glasgow.

Fragen und Antworten:
Woher kommt der Name Old Firm?
Die Rivalen beherrschen den schottischen Fußball nicht nur sportlich sondern auch wirtschaftlich. Die vielen Derbys (heute allein in der Liga vier pro Saison) zogen immer schon die Zuschauermassen an, die Einnahmen sprudelten. Daher die respektvoll-distanzierte Bezeichnung Old Firm, die „alte Firma“.

Welche Rekorde gibt es?
Das Spiel am 2. Januar 1939 sahen mehr als 118.000 Zuschauer, bis heute ein unerreichter Rekord nicht nur in Schottland, sondern in ganz Großbritannien. Schreckliches ereignete sich hingegen am 2. Januar 1971, als beim „Ibrox-Desaster“ 66 Zuschauer nach dem Einsturz einer Tribüne starben.

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