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INTERVIEW
„Die Tore werden weiß bleiben“
Ohne ihn geht nichts bei der Europameisterschaft. Hellmuth Löhr aus Hildesheim liefert die Tore für das Turnier. Ein Besuch beim sympathischen Tormann. Interview Matthias Greulich, Fotos Sebastian Vollmert.

Hellmuth Löhr
„Der Pfostenbruch war lebenswichtig“: Seit 1971
ist es das Geschäft von Hellmuth Löhr, ebenso stabile wie leichte Tore herzustellen.



RUND: Herr Löhr, was wiegt ein EM-Tor?

Hellmuth Löhr: Um die 100 Kilo.

RUND: Das geht ja.

Hellmuth Löhr: Der Werkstoff Aluminium ist ja auch recht leicht. Das ist das Positive daran.

RUND: Seit wann liefern Sie Tore aus Aluminium?
Hellmuth Löhr: Seit dem Pfostenbruch vom Bökelberg. Das war 1971 der Impulsgeber für diese Industrie, in der wir tätig sind. Dadurch bekamen Aluminiumtore gegen die damals üblichen Holzmodelle überhaupt eine Chance. Ich war 37 und habe die Firma gegründet. Das ging ganz bescheiden los, mit zwei, drei Mitarbeitern, ich habe selbst noch mitgebaut. Inzwischen haben wir mehr als 50.

RUND: Kann man verhindern, dass ein Tor bei der EM kaputt geht?
Hellmuth Löhr: Sie spielen auf den Vorfall von Madrid an. Irgendwelche Leute hatten beim Champions-League-Spiel zwischen Real und Dortmund den Zaun und das damit verbundene Tor umgerissen. In den EM-Stadien könnte das nicht passieren, weil das Seil, was nach hinten läuft, an einem separaten Pfosten befestigt wird. Der Zuschauer kommt da gar nicht ran. Sollte wider Erwarten mal ein Ermüdungsbruch eintreten, dann müssen die Stadienbetreiber ein Ersatztor griffbereit haben. Das sind die Lehren aus Madrid, das ist in der Bundesliga und bei großen Turnieren vorgeschrieben.

RUND: Bei der Euro 2000 hätte es beinahe gelb lackierte Tore gegeben. Steht nun wieder eine ähnliche Revolution an?
Hellmuth Löhr: Keine Chance. In Holland und Belgien war der ehemalige belgische Nationalspieler Michel Sablon für die Organisation der Ausstattung in den Stadien zuständig. Ein richtig progressiver Mensch. Wir hatten schon alles in die Wege geleitet. Sablon sagte, wenn das erste Spiel gelaufen ist, gibt es kein Zurück mehr. Er war sehr mutig. Bei der Entscheidung saßen aber zu viele Leute mit am Tisch. Die Presse in Rotterdam hatte Wind davon bekommen und von dem Plan berichtet.

RUND: Was passierte dann?
Hellmuth Löhr: Die Fifa hat uns sofort zurückgepfiffen. Hat gesagt: Geht nicht, gibt’s nicht. Gott sei dank waren die Tore noch nicht lackiert. Ich rief in der Lackiererei an und sagte, dass sie weiß werden müssten. Sie sehen, es ist außerordentlich schwer, solche Neuerungen durchzusetzen. Da sind ziemlich festgelegte, starre Strukturen. Die Offiziellen sind teilweise recht betagt. Ich selber bin es ja auch, bin aber noch immer fortschrittlich genug. Wir sind auf diesem Weg nicht mehr weitergekommen, die Tore werden weiß bleiben.

Schweißer
„Bei uns sind richtige Künstler am Werk“: Es ist
schwieriger Aluminium zu schweißen als Stahl.


RUND: Bei den Auswechselbänken kann nicht soviel passieren?

Hellmuth Löhr: Da gibt es andere Probleme: Wir bauen die Bänke so, dass die Zuschauer dahinter möglichst viel sehen können. In manchen Stadien ist das noch ein Problem, besonders dort, wo Laufbahnen sind, etwa in Zürich. Da ist die Sicht teilweise etwas beeinträchtigt. Gerade die unteren Reihen in der Mitte des Platzes sind aber besonders teuer. Das bedeutet enorme Verluste, das kann in die Hunderttausende gehen.

RUND: Warum ist das in Stadien mit einer Laufbahn anders als in reinen Fußballarenen?
Hellmuth Löhr: Das liegt an den verschiedenen Sichtwinkeln. In Stadien wie Zürich oder Wien sitzen die Zuschauer viel weiter entfernt. Die üblichen Höhen von 1,90 bis zwei Meter können wir dort nicht bauen. Wir haben deshalb gemeinsam mit der Uefa eine Höhe von etwa 1,65 Meter durchgängig festgesetzt. In Wien hatten wir vorgeschlagen, die Sitzgelegenheit um 40 Zentimeter abzusenken. Die Stadt Wien hat sich quergestellt, weil das direkt im Bereich der Tartanbahn hätte sein müssen. Jetzt ist es wohl so, dass die Plätze wegen der Sichtbeeinträchtigung günstiger angeboten werden.

RUND: Stoßen sich die Spieler da nicht den Kopf?
Hellmuth Löhr: 1,65 Meter sind schon sehr niedrig. Otto Rehhagel hatte sich den Kopf gestoßen, das kann schon passieren. Aber in den meisten Bundesligastadien stehen unsere Bänke von der Weltmeisterschaft, wo wir ebenfalls Ausrüster waren, immer noch. In Stuttgart haben wir zum Beispiel Bänke mit abnehmbarem Dach gemacht. Sie sagten, dass sie im Sommer keine Überdachung bräuchten. Die Bänke haben sich bewährt.

RUND: Freuen sich die Platzwarte eigentlich, wenn Sie neue Tore bringen?
Hellmuth Löhr: In einigen Städten, etwa in Hamburg hatten wir ein hervorragendes Verhältnis zum Platzwart. Anderswo war es schwieriger: In München hat uns der Platzwart verboten, den Platz zu betreten. Er sagte ‚ÄöIhr kommt hier nicht rauf!’ Aber wir mussten doch da hin, um das Tor aufzubauen. Ich rief dann in der Zentrale an, damit die sich sofort einschalten. Erst eine Stunde später konnten wir auf den Rasen, das muss man sich mal vorstellen.

In Löhrs Firma „Sportgeräte 2000 Helo Sportsysteme“, arbeiten über 50 Mitarbeiter, sie stellen 8.000 Tore im Jahr her. Bei der Euro werden die Tore in kompletter Länge auf acht Meter langen Anhängern in die Stadien gebracht. Die Spielerbänke sind zwölf Meter lang. Sie werden halbiert und vor Ort von den Monteuren zusammengeschweißt. Der Großauftrag der Uefa ist für die Niedersachsen Routine: Sie haben schon 1988 (Deutschland), 2000 (Niederlande und Belgien) und 2004 (Portugal) die Tore hergestellt.

Torpfosten
Bevor alles verschweißt wird: So sehen Torpfosten aus, bevor
sie in Hildesheim zu einem richtigen Tor zusammengefügt werden. Foto Sebastian Vollmert


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