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INTERVIEW
„Fußball ist eine totale Machowelt – immer noch“
Spielerfrauen sind perfekt gestylt und nur damit beschäftigt, das Geld ihres Mannes auszugeben. Diese Klischees gehen Dagmar Thiam gehörig auf die Nerven. Als Partnerin von Pablo Thiam (Profi beim 1. FC Köln, VfB Stuttgart, Bayern München und VfL Wolfsburg) musste sie erleben, wie man als selbstbewusste Frau in der Machowelt Fußball-Bundesliga anecken kann. Interview Matthias Greulich.

Dagmar Thiam
„Die Strukturen im Fußball sind extrem verkrustet“: Dagmar Thiam
bekam als Ehefrau eines Profis Einblicke in eine Machowelt


RUND: Frau Thiam, haben Sie schon mal den Ausdruck „Hühnerstange“ im Stadion gehört?
Dagmar Thiam: Ja, als Sportjournalistin weiß ich, dass einige den Bereich so nennen, wo die Fußballerfrauen sitzen.

RUND: Und wie fühlt man sich wirklich als Frau eines Fußballers auf der Tribüne?
Dagmar Thiam: Allein schon aus Angst vor Verletzungen war ich bei jedem Spiel von Pablo extrem angespannt. Den Erfolgsdruck spürt man. Das prägt das ganze Leben. Da fühlt man sich nicht wie ein Huhn auf der Stange. Leider ist das Fußballspiel für manche Frauen ein Event, um ihre Klamotten vorzuführen. Ich bin immer gerne mit Turnschuhen und Jeans ins Stadion gegangen, und habe mich nicht in High-Heels die Tribüne herunter gequält. Ich habe auch nie verstanden, was das sollte. Mit einigen anderen habe ich mich davon abgegrenzt. Für mich ist Fußball ein Sport und kein Laufsteg. Ich liebe Fußball. Deshalb habe ich es auch als Auszeichnung empfunden, mit einem Fußballer zusammen zu sein.

RUND: Inwieweit mussten Sie lernen, mit den Klischees gegen Spielerfrauen zu leben?
Dagmar Thiam: Das ist mir sehr schwer gefallen. Ich glaube, es hat mindestens drei Jahre gedauert. Als ich Spielerfrau wurde, habe ich einen kompletten Karriere-Abbruch vollzogen. Ich war Moderatorin und stand in der Öffentlichkeit. Innerhalb einiger Monate bin ich mit meinem späteren Mann zusammengezogen. Und habe ganz schnell die Mutterrolle übernommen, für sein Kind aus erster Ehe.

RUND: Woran haben Sie gemerkt, dass Sie nun Spielerfrau sind?
Dagmar Thiam: Ich wurde nicht mehr mit meinem Namen angesprochen. In der Zeitung stand unter den Fotos „Pablo Thiam mit Frau“ oder „Pablo Thiam mit Freundin“. Vorher war ich ein eigenständiger Mensch, der gut verdient hatte. Auf einmal wird man entpersonalisiert, hat keinen Beruf und kein eigenes Geld mehr. Man ist plötzlich diese Frau, die einem „Star“ hinterher rennt und von seinem Geld lebt. Mir ist es extrem schwer gefallen, das Geld meines Mannes auszugeben und die Kreditkarte eines anderen zu nehmen.

RUND: Sie fühlen sich als Anhängsel?
Dagmar Thiam: So wird es nicht formuliert, aber es ist so. Als mein Mann bei Bayern München spielte, waren wir gemeinsam auf einer Veranstaltung. Ich werde es nie vergessen: Die Bildunterschrift in der Zeitung lautete „Pablo Thiam mit Saftglas und Freundin“. Meinem Mann war das überhaupt nicht aufgefallen. Ich habe das dann direkt in die Küche gehängt, den Satz unterstrichen und zwei Ausrufezeichen dran gemacht. Sensationell – genauso ist es. Das Saftglas auf dem Bild ist interessanter als du. Damit muss man schon leben wollen. Wenn man darüber nicht nachdenkt, muss einem das auch keine Probleme machen. Wenn man aus einem Leben kommt, wo man eine starke Persönlichkeit ist, fällt einem das auf. Nun bin ich ein Extremfall: Ich war bereits 32 Jahre alt, als ich meinen Mann kennen lernte, hatte ein abgeschlossenes Studium hinter mir und war erfolgreich in meinem Job. Ich komme selbstständig und stark rüber. Damit machst du dir dann auch nicht nur Freunde, gerade in männerdominierten Lebensbereichen. Ich bin häufig angeeckt und auch mein Mann fand es nicht immer gut, wie ich mich dargestellt habe. Aber so ist es eben.

RUND: Wirken bei diesen Reaktionen die Zeiten noch nach, als Frauen wie Gaby Schuster oder Bianca Illgner die Fußball-Szene aufmischten?

Dagmar Thiam: Die Beispiele von Manager-Frauen sind etwas anderes. Die mussten sich in einem männlichen Umfeld behaupten. Eine starke Frau, die Managerin ihres Mannes ist, wird natürlich viel negativer wahrgenommen als ein Manager. Machen wir uns nichts vor: Im Fußball leben wir immer noch in einer totalen Machowelt. Ich würde es den wenigsten Fußballern zutrauen, sich von ihrer Frau managen zu lassen. Dazu gehört, dass der Mann sehr stark ist und das auch zulassen kann. Das bedeutet extreme Auseinandersetzungen auch im beruflichen Umfeld, was die meisten Fußballer nicht wollen. Das sind dann aber auch interessante Beziehungen, finde ich. Prinzipiell würde ich sagen, dass Spieler ihre Frauen im Hintergrund haben möchten. Das Gros der Spieler möchte nicht, dass ihre Frauen in der Öffentlichkeit auftreten oder sich zum Thema Fußball äußern. Die Spieler und auch die Trainer denken, dass keine Frau in diesem Umfeld etwas zu sagen hat. Egal wie gut sie sich auskennt.

Dagmar Thiam
Moderatorin und Sportjournalistin: Dagmar Binder stand
mitten im Berufsleben als sie Pablo Thiam kennen lernte, der damals beim VfB Stuttgart spielte


RUND: Zuletzt ging Patricia Klasnic bei Reinhold Beckmann an die Öffentlichkeit. Sie kritisierte die Verantwortlichen von Werder Bremen, wie sie mit der Nierenerkrankung ihres Mannes umgegangen waren.

Dagmar Thiam: Ohne jetzt werten zu wollen, ob Frau Klasnic inhaltlich Recht hatte: Man sieht auf jeden Fall, wie weit es kommen muss, bis eine Frau etwas sagt. Da ging es um Leben und Tod. Es gibt eine Menge Frauen, die etwas zu sagen hätten. Aber es ist nicht dein Beruf, sondern der deines Mannes. Und da hast du deinen Mund zu halten, was ja grundsätzlich auch stimmt. Aber trotzdem gibt es ganz sicher auch hier Felder, auf denen Frauen eine Bereicherung sind. Es gibt im Fußball Berufe, die eine Frau wunderbar ausüben könnte.

RUND: Ist das Geschäftsfeld mit Spielerberatern und Rechtsanwälten nicht inzwischen zu stark spezialisiert für Ehefrauen als Managerinnen?
Dagmar Thiam: Gibt es eine Spielerberaterin? Ich persönlich kenne keine. Weil Frauen sich mit Fußball oder Management nicht auskennen? Das ist doch Blödsinn. Das kann es nicht sein. Die Strukturen im Fußball sind extrem verkrustet, da kann ich Ihnen viele Beispiele geben.

RUND: Welche?
Dagmar Thiam: Ich war Leistungssportlerin, habe früher Volleyball-Bundesliga gespielt, wo wir nach den neuesten Methoden trainiert haben. Ich habe als Sportjournalistin gesehen wie intensiv und hoch spezialisiert beispielsweise beim Hockey oder bei den Leichtathleten trainiert wird. Wenn ich mit meinem Mann über Dinge wie Trainingsmethodik oder das richtige Auslaufen diskutiert habe, kommt man irgendwann zu dem Punkt wo es heißt: „ Das war schon immer so. Warum soll das geändert werden?“ Deshalb war es gut, dass Jürgen Klinsmann, Ralf Rangnick oder andere dieses Denken aufgebrochen hat.

RUND: Was ist an Fußballern attraktiv, was unterscheidet sie von Männern, die den Tag im Büro verbringen?
Dagmar Thiam: Als Frau eines Managers weiß man, was einem bei einem Abendessen erwartet: Gespräche über die Arbeit, über schwierige Entscheidungen, die der Mann vielleicht treffen musste. Man nimmt an einem intensiven Tagesablauf teil, so sollte es zumindest sein. Ein Fußballspieler kommt nach Hause und macht jeden Tag mehr oder weniger das Gleiche, da ergibt sich jetzt nicht ständig eine Basis für intellektuelle Themenabarbeitung. Und die ist ja, ehrlich gesagt, auch überhaupt nicht gefragt von einem Spieler bei der Ausübung seines Berufes. Er soll mitziehen, gut trainieren und machen, was der Trainer sagt. Abends ist er müde und will sich entspannen und ablenken. Das hat seine guten und seine schlechten Seiten.

RUND: Nennen Sie uns auch die guten?
Dagmar Thiam: Geht man mit Fußballern weg, erwartet dich eher der Discoabend als mit einem Manager. Es gibt keine tief greifenden Gespräche, aber ich habe Spaß. Das bedingt auch die Altersstruktur der Spieler. Wenn die Zeit haben, und mal nicht am nächsten Morgen früh aufstehen müssen, lassen sie es auch krachen. So oft können sie das nicht und dann machen sie das auch. Und dann hast du natürlich einen Riesenabend. Dass sie sich betrinken, habe ich dabei höchst selten erlebt. Die meisten sind sehr diszipliniert. Das Freizeitverhalten ist also durchaus attraktiv. Es kommt allerdings darauf an, wie man selber gestrickt ist. Deshalb habe ich immer ein Parallelumfeld geschaffen. Ich als Frau habe beides geschätzt: Mal wegzugehen, ich bin auch selber sehr fröhlich unterwegs. Aber ich brauche auch mein Umfeld. Und das habe ich in Fußballerkreisen immer nur sehr partiell gefunden. Von jeder Mannschaft bleiben immer ein, zwei Freundinnen übrig. Aber so ist das doch in anderen Berufen auch.

Lesen Sie morgen Teil 2 des Interviews mit Dagmar Thiam
Emanzipation und Fußball: Auf dem Stand von 1970

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