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Emanzipation und Fußball: Auf dem Stand von 1970
Interview Teil 2: Dagmar Thiam, Ehefrau von Wolfsburg Sportdirektor Pablo Thiam, über die klassische Rollenverteilung in Fußballer-Haushalten und warum sich Jungprofis nach einem festen Umfeld sehnen. Interview Matthias Greulich.



Dagmar Thiam
"So bin ich nicht": Dagmar Thiam möchte nicht mit den
Klischees über Spielerfrauen in einen Topf geworfen werden


RUND: Frau Thiam, täuscht der Eindruck, oder sind die Spielerfrauen in den Medien gerade so präsent wie noch nie?

Dagmar Thiam: Ich verfolge, wie das Thema Spielerfrauen ein interessantes wird. Das ist zum einen gut, zum anderen hat mich das immer genervt in den letzten Jahren. Weil immer nur einseitig über das Thema berichtet wird. Als ob es nur perfekt gestylte Models gibt, die sich darstellen wollen. Als ob jede Spielerfrau nur dafür lebt, das Geld ihres Mannes auszugeben, und auf die Partys zu warten. Als ob das Leben nur aus Party bestehen würde. Das tut es überhaupt nicht. Ich fühlte mich persönlich angegriffen, weil ich mit den Spielerfrauen in einen Topf geworfen werde. So bin ich nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben.

RUND: Bei der EM wurden die deutschen Spielerfrauen aber doch sehr positiv dargestellt. Sarah Brander, die Freundin von Bastian Schweinsteiger, hat es sogar auf die Titelseite der „F.A.Z.“ geschafft. In einer großen Boulevardzeitung wurde den Frauen eine eigene Serie gewidmet. Als attraktive Partnerinnen der Stars, die mitten im Leben stehen. Bedeutet das nicht eine Trendwende?
Dagmar Thiam: Ich glaube nicht. Die Spielerfrauen wurden so dargestellt als hätten sie ihr eigenes Leben, aber eigentlich haben sie nur Spielerfrauen genommen, die gar kein eigenes Leben haben. Das fand ich widersinnig. Das waren fast alles Frauen, die zuhause sind und ihre Kinder hervorragend betreuen. Das meine ich nicht despektierlich: Die Frauen ordnen ihr Leben der Karriere ihres Mannes unter. Dafür gebührt ihnen großes Lob und ich hoffe, ihre Männer danken es ihnen. Das sind aber keine Beispiele für Frauen, die parallel ihr Leben führen. So würde ich es sehen. Und zu Sarah Brandner: Sie ist 19 Jahre alt. Ich habe auch gemodelt in dem Alter. Sie nutzen einfach beide die Gunst der Stunde. Sie sind beide oben. Es sei ihnen auch gegönnt. Sie kann man jetzt nicht als Beispiel für eine langjährige Spielerfrau nennen. Sie hat seit einem Jahr eine Freundschaft mit einem jungen Spieler. Lass mal zehn Jahre ins Land gehen, dann schauen wir mal, wo beide sind.

RUND: Was halten Sie davon, dass Schweinsteiger mit seiner Freundin aus der Vorstadtvilla nach Schwabing gezogen ist?

Dagmar Thiam: Ich glaube, dass beide im Mittelpunkt stehen wollen und durchaus das Bedürfnis haben, sich darzustellen. Es ist nicht meine Welt, denn es ist eine Generation nach mir. Sie nutzen es jetzt richtig aus, dass sie bekannt sind. Damit gehen sie offensiver um als das früher bei Fußballer-Beziehungen der Fall war. Und das macht den beiden auch Spaß. Was es für Probleme birgt, wenn man in der Presse ist, sieht man natürlich in dem Alter nicht. Wenn es etwas Negatives zu berichten gibt, kann das dem Spieler und der Familie einen Tiefschlag versetzen, wie man an diversen Beispielen gesehen hat.

RUND: Schweinis Kumpel Lukas Podolski hat bereits eine Familie gegründet. Warum heiraten die Fußballer immer noch so früh, wie schon zu Otto Rehhagels Zeiten?
Dagmar Thiam: Ein Fußballspieler mit Mitte zwanzig sehnt sich nach einem festen Umfeld, will sehr schnell eine Familie. Sportler kreisen sehr um sich. Sie müssen auf ihre Ernährung und ihren Schlaf achten. Sie brauchen einen regelmäßigen Rhythmus. Sie brauchen eine Frau, die zu Hause ist, und sich um alles andere kümmert. Ich persönlich habe alles bei uns organisiert und einen Freundeskreis nach jedem Umzug neu aufgebaut, was einen Riesenaufwand bedeutet. Je mehr Kinder man hat, desto schwieriger ist das. Da wollen und können sich die Männer nicht involvieren. Als Frau muss man alles aufgeben, weil du in den ersten acht bis zehn Jahren gar nichts anderes schaffst. In acht Jahren hatte ich drei Umzüge gemeistert, drei Kinder erzogen und ein Haus gebaut. Wie soll man da eine Karriere verfolgen? Das geht nicht. Fußballer wollen das auch nicht. Man hat selber wenig Möglichkeiten auszubrechen. Während der Karriere dreht es sich nur um das Leben des Mannes.

RUND: In Sachen Emanzipation ist der Fußball also auf dem Stand von 1970 stehen geblieben?
Dagmar Thiam: Könnte man sagen. Wer ist heute schon noch die klassische Hausfrau? Viele Fußballer verstehen nicht, wenn man ihnen sagt, dass man arbeiten möchte, weil natürlich auch die Rolle der Frau zu Hause für sie persönlich die Angenehmste ist.

RUND: Weil Sie bei dem Gehalt Ihres Mannes nicht dazuverdienen müssen?

Dagmar Thiam: Genau. Es ist die klassische Aufteilung: Er verdient das Geld, die Frau bleibt zu Hause. Monetär gesehen hat man viel weniger Probleme als alle anderen Menschen. Man ist privilegiert. Das weiß ich auch. Aber man ist auch in vielen Dingen sehr limitiert. Das Leben mit einem Fußballer bedeutet einen unglaublichen Einschnitt ins Familienleben. Das ganze Leben dreht sich um diesen Stundenplan. Du hast ganz wenig gemeinsame Zeit, ganz wenig gemeinsam Urlaub. Ganz wenig Teilnahme des Sportlers an deinem Leben und dem der Kinder. Null Spontaneität. Das Leben für die Frau eines Fußballers bedeutet, 80 Prozent alleine zu Hause zu sitzen. Bestimmt 200 Abende im Jahr habe ich alleine zu Hause verbracht. Bei uns ist die Situation sicher speziell, weil wir eine räumliche Trennung mit Wohnorten in Berlin und Wolfsburg haben. Und ich gehe nicht oft auf Partys. Ich habe Kinder. Es ist schwierig, sich darüber öffentlich zu beschweren. Weil alle sagen: Die hat soviel Geld, die kann sich doch zehn Babysitter leisten. Aber ich habe dieselben Probleme wie jede andere Mutter, denn meine Kinder wollen zu mir und nicht zu unserem Au-Pair-Mädchen, wenn sie Probleme haben.

Pablo Thiam
311 Bundesligaspiele für den 1. FC Köln, VfB Stuttgart, Bayern München und den
VfL Wolfsburg: Pablo Thiam hat seine Karriere beendet und arbeitet nun als Assistent von Sportdirektor Felix Magath in Wolfsburg Foto Hoch Zwei


RUND: Und am Wochenende, wenn der Mann Bundesliga spielt?

Dagmar Thiam: Von Freitag bis Sonntagmittag kann man als Frau mit einem Fußballer nicht reden. Die Anspannung vor dem Spiel ist groß. Die Spieler müssen die Nacht vorher immer im Hotel verbringen. Er will nur daheim anrufen und hören, dass alles in Ordnung ist. Und komme jetzt nicht damit, dass das Kind 41 Grad Fieber hat und ins Krankenhaus muss und du ein Riesenproblem hast. Lass es einfach. Sag einfach: Es ist alles in Ordnung. Die sind angespannt, das steigert sich, je näher das Spiel kommt. Egal, wie lange er schon Bundesliga spielt. Von dem Mann kannst du am Wochenende schon mal nichts erwarten. Das ist ganz schwer vorstellbar für Leute, die einen normalen Beruf haben. Es gibt einfach kein Familien-Wochenende. Und unter der Woche ist Training. Das ist kein normales, sondern ein schwieriges Familienleben. Für die Frau ist es ein sehr einsames Leben. Für den Mann auch. Aber der hat den Ausgleich, dass er jedes Wochenende einen Adrenalinstoß bekommt, und permanent auf seine Karriere konzentriert ist.

RUND: Als die Weltmeister von 1974 ihre Frauen mit zum Bankett nehmen wollten, wurden die Gattinnen von den Funktionären hinaus gebeten. Wie gehen die Vereine heute mit den Frauen ihrer Profis um?
Dagmar Thiam: Die Manager in den Klubs nehmen die Spielerfrauen durchaus unterschiedlich wahr. Ich kann mich erinnern, dass ich mit Uli Hoeneß gute Gespräche hatte und bestens klar kam. Der nimmt schon wahr, mit wem er drei Sätze mehr reden kann, ohne die anderen dann schlechter zu behandeln. Das ist aber die Ausnahme. Generell muss ich sagen, dass sich im Verein keiner für die Spielerfrauen interessiert. Warum auch? Die interessiert, dass die Männer gut Fußball spielen. Das tun sie in aller Regel, wenn die Beziehung gut funktioniert. Der Fußballmanager interessiert sich ganz oberflächlich dafür, dass der Spieler glücklich verheiratet ist. In den Klubs werden Events für die Frauen und Kinder organisiert, damit die dabei sind und das Gefühl haben, dass sie Mitglied dieses Vereins und der Mannschaft sind. Das wird gemacht, um diese Beziehungen zu stärken. Das Thema Spielerfrauen interessiert eigentlich nur die Medien, wo es jetzt so gepuscht wird. Das Image wird sowieso von den Medien gemacht: Da werden nur die Frauen gefragt, die ein angeblich typisches Bild abgeben. Die für einen Leser der „Bild“-Zeitung interessant sind. Man kann nicht viel tun, um darzustellen, dass dein Leben zu Hause ähnlich ist, wie das von 100.000 anderen Müttern auch.

RUND: Von Mehmet Scholl stammt das Bonmot, er wolle in einem späteren Leben Spielerfrau werden. Gibt es in der Machowelt Fußball Beispiele für Profis, die sich aktiver ins Familienleben einbringen?
Dagmar Thiam: Ich kannte beispielsweise einen Profi, der sehr familienorientiert war. Der war aber auch ein bisschen als Weichei verschrien, der immer zu seiner Frau läuft. Der ist wenig abends mitgegangen, ist nach dem Training sofort zu den Kindern und hat sie auch morgens oft in den Kindergarten gebracht. Das ist relativ selten. Der hätte vom Talent her Nationalmannschaft spielen müssen, hat es aber nicht ganz geschafft. Seine Familie funktioniert aber nach wie vor, obwohl er aufgehört hat zu spielen, und da die Probleme oft richtig anfangen. Ohne einen Vorwurf: Der Tunnelblick ist vielleicht Bedingung – wahrscheinlich braucht der Profi seine gesamte Konzentration, um top-erfolgreich sein zu können, um an die absolute Spitze zu gelangen. Prinzipiell muss man im Jahr 2008 schon festhalten – ob als Frau eines Topmanagers oder eines Topsportlers: Die Zeiten, wo Frauen ihr Leben lang hinter einem Mann stehen und sich, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, nicht auch orientieren dürfen und sollten, sind wirklich vorbei. Und Männer sollten in irgendeiner Form auch ihren Beitrag leisten, noch bevor sie in Rente gehen! Das ist nicht nur die Basis für eine funktionierende Beziehung, sondern vor allem für eine funktionierende Familie mit Mutter- und Vater-Bezug. Und das sollte doch heutzutage die Idealvorstellung nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern sein.

„Fußball ist eine totale Machowelt – immer noch“
Teil 1 des Interviews mit Dagmar Thiam

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