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NACHWUCHS
Tischtennis in Badelatschen
Im Sommer 2008 lebte der damals 16-jährige Heung Min Son mit zwei weiteren jungen Südkoreanern im HSV-Internat. Roger Repplinger hat ihn dort besucht.

 

Heung Min Son
Heung Min Son schoss gegen Mexiko das erste Tor Südkoreas bei der WM in Mexiko. Foto Pixathlon


An der Wand hängt ein Foto von Paul Hauenschild, den zu Lebzeiten alle „Onkel Paul“ nannten, auf dem trägt er einen Hut wie der Opa der alten Tchibo-Werbung. Unter dem Foto in der Eingangshalle des HSV-Internats in Ochsenzoll stehen Computer. Sie sind „on“, aber der Bildschirm ist dunkel. Jong Pil Kim und Heung Min Son spielen in Badelatschen Tischtennis. Ist es warm, gehen sie in den Latschen spazieren. Wenn es kalt ist auch.

Das Internat ist hier, weil der damalige HSV-Präsident Hauenschild, 1882 geboren, Besitzer der Hauenschild Formpolster Gesellschaft, die Autopolster herstellte, am 20. März 1928 für 150 000 Reichsmark das etwa 120 000 Quadratmeter große Gelände am Ochsenzoll mit dem dazugehörenden Lindenhof für den Verein erwarb. Hier entstanden Fußballplätze, Hockeyfelder, später eine Halle und schließlich das Internat.

Min Hyeok Kim kann nicht Tischtennis spielen. Meint man. Kommt gerade vom Doktor, das Knie tut ihm weh. Er geht an Krücken und steht nun auf einem Bein am Tisch, Krücke links, Schläger rechts, und spielt.

Die Jungs sind 16, da geht so was und meistens geht es gut.

Drei Jungs aus Süd-Korea, alle Jahrgang 1992, sind seit einem Monat im HSV-Internat. Insgesamt leben 17 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren hier. Sie haben Zimmer, machen hier ihre Hausaufgaben, gehen von hier in die Schule, trainieren hier. Dazu kommen noch maximal 25 Jungs, die von ihrer Schule im Großraum Hamburg – der sich bis Lübeck erstreckt – abgeholt, nach Ochsenzoll und abends nach Hause gebracht werden. Sie werden verköstigt, lernen für die Schule, trainieren, bekommen Nachhilfe, falls nötig.

Die koreanischen Jungs wurden gescoutet. „50 Fußballer wurden gesammelt, getestet und dann sechs ausgewählt, die nach Deutschland kommen durften“, erzählt Heung Min. Drei sind in Hamburg, drei in Nürnberg gelandet. „Profi werden, hier bleiben“, nennt Jong Pil aus Seoul sein Ziel. Heung Min hatte in Korea „noch nie was vom HSV gehört“, Jong Pil wusste, dass es in Hamburg einen Bundesliga-Verein gibt.

Min Hyeok „hat kein Heimweh“, die anderen auch nicht. Jong Pil vermisst seine Freunde, seine Familie, „das Essen ist anders, aber das ist egal“.

Jong Pil staunt darüber, dass „in Norderstedt um 22 Uhr kein Mensch mehr auf der Straße ist. Nichts. Niemand. Alles leer.“ Heung Min und Min Hyeok nicken. „Das ist in Korea anders“, sagt Min Hyeok. „Und sonntags sind die Läden zu, sie sind öfters zu als auf“, wundert sich Heung Min. Frauen, staunt Jong Pil, „rauchen auf der Straße. Frauen rauchen überhaupt, und dann auch noch auf der Straße“. Die anderen nicken. „Kinder rauchen in Gegenwart ihrer Eltern, das wäre in Korea undenkbar“, sagt Heung Min.

Und kein Karaoke in Norderstedt.

Auf St. Pauli waren die Drei noch nicht. Nachts. Sollte Internatsleiter Oliver Spincke, 33 Jahre alt, diplomierter Sozialpädagoge, mal mit ins Besuchsprogramm aufnehmen. Hafenrundfahrt haben sie gemacht und Dom. Aber nicht St. Pauli. Da gibt’s bestimmt auch irgendwo Karaoke.
Eltern und Geschwister haben nicht geweint, als die Drei abgereist sind. „Na ja“, erinnert sich Min Hyeok, „die Großmutter hat doch geweint“. Heung Mins Eltern seien ganz froh über seinen Abschied gewesen, „weil ich so viel esse, und sie jetzt das Geld sparen“. Alle lachen.

In Korea wird drei, auch mal vier Stunden trainiert. Hier maximal zwei. Und es geht lockerer zu. „In Korea wird mehr Wert auf Disziplin gelegt“, sagt Jong Pil. Und das Gras ist auch eine feine Sache. „Aber das Wichtigste ist: Hier interessieren sich alle für Fußball, in Korea nicht“, sagt Jong Pil.
Sie sprechen kein Wort Deutsch außer „danke“, aber als ein paar Mitspieler aus der B-Jugend vorbeikommen, da läuft das die Kontinente übergreifende Begrüßungsritual ab: Abklatschen, die Fäuste gegeneinander boxen, grinsen.

Die Drei haben das Spiel des HSV gegen den KSC gesehen. Heung Min meint, „dass der HSV ein gutes Team ist, aber nicht perfekt“. Gut fand er die Nummern 14 (David Jarolim), Acht (Nigel de Jong) und 21 (Jonathan Pitroipa).

Die Drei bleiben ein Jahr und werden, sobald es ihre Sprachkenntnisse zulassen, zur Schule gehen. Die Jungs lernen Deutsch, Spincke Koreanisch: Nem-bi kann er schon. Ganz wichtig, heißt Topf – brauchten die Jungs, um Reis zu kochen. „Gam Sa Hap Ni Da“ kann Spincke auch schon: Danke.

Taschengeld bekommen sie noch nicht. Weil der HSV ausländerrechtlich nicht darf, muss mit dem koreanischen Fußballverband geklärt werden, von wem und wie viel die Jungs kriegen.
Einen koreanischen Coach gibt es auch: Jong Gun Kim, Trainer der koreanischen Frauen-Fußballnationalmannschaft, der zwischen Nürnberg und Hamburg hin und her pendelt. Und Dolmetscher Jin Woo Kim, Kunststudent aus Seoul, der in zweieinhalb Jahren hervorragend Deutsch gelernt hat.

Beim Frühstück stippen die Jungs ihre Franzbrötchen in den Kaffee. Warum eigentlich nicht?


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