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OFFENSIVE
Drei sind keiner zuviel
In Spanien spielt der FC Barcelona fast immer mit drei Stürmern In der Bundesliga ist das die absolute Ausnahme. Offensivfußball war in Deutschland schwer durchzusetzen, vielleicht ändert sich das jetzt. Von Roger Repplinger.

Vedad Ibisevic
Offensivstark: Vedad Ibišević jubelt nach seinem Treffer beim FC Bayern
Foto Hoch Zwei

 

In der Bundesliga wird offensiv gespielt, das war nicht immer so. Das war eigentlich noch nie so. Es gab immer mal eine Mannschaft, die – wenigstens phasenweise – offensiv spielte. Werder Bremen im Meisterjahr 2004, der VfB Stuttgart 2007, Bayer Leverkusen unter Klaus Augenthaler und Klaus Toppmöller, spielten immer mal wieder offensiv.

Diesmal gibt es fünf Mannschaften, die versuchen, zu Hause und auswärts offensiv zu spielen: Hoffenheim, in 17 Spielen 42 Tore, die Bayern (39 Tore), Leverkusen (36), Bremen und Wolfsburg (je 35). Dort ist die Zeit des Betonfußballs, der mauernden Trainer, des Stillstands, zu Ende. Die Null muss gehen.

„International“, sagt Horst Blankenburg, 61 Jahre alt, der für Ajax Amsterdam in der großen Zeit mit Johan Cruijff, und den Hamburger SV Libero gespielt hat, „ist das immer noch nicht offensiv genug. Mit Ausnahme der Hoffenheimer vielleicht“.

Vedad Ibišević (Hoffenheim) hat in 17 Spielen 18 Tore geschossen, es gab Jahre in der Bundesliga, da ging die Torjägerkanone am Ende der Saison mit 17 Toren weg: Thomas Allofs, Klaus Wohlfahrt 1989 und Fredi Bobic 1996.

Mannschaften wie der FC Schalke 04 oder der Hamburger SV, der jüngst zehn Millionen Euro in einen linken Verteidiger und 6,5 in einen Innenverteidiger investiert hat, sind als defensive Mannschaften zusammengestellt und haben die Entwicklung verpasst. „Wie kann man so viel Geld in Defensivspieler investieren? Im Sturm zählt die Qualität, da muss man in die Tasche greifen“, sagt Blankenburg. Die Bayern haben das begriffen, deshalb das Interesse an Mario Gomez und Ivica Olic.

Die deutsche Nationalmannschaft hat nie, bis auf die Breslau-Elf, offensiv gespielt. Am 16. Mai 1937 besiegte die Fußballnationalelf die Dänen mit 8:0. Aufgrund des großartigen, offensiven Spiels, wurde diese Elf, die ein Jahr zusammen spielte, in Anlehnung an den Spielort, die „Breslau-Elf“ genannt.

Bis auf diese Ausnahme besteht die Geschichte der deutschen Nationalmannschaft aus Defensivfußball. 1954 defensiv, die Ungarn spielten offensiv, das macht ja einen Teil des Mythos der 54er aus, aus dem eine der Grundüberzeugungen des deutschen Fußballs erwuchs. Die Überzeugung, dass man mit dem schlechteren Fußball Weltmeister werden kann, wenn man tüchtig kämpft, den Gegner müde rennt und weder sich noch die Anderen schont. So war das auch 1974, da waren die Niederländer innovativer, spielten schneller, waren technisch besser, boten den schöneren Fußball.

Franz Beckenbauer sagte nach dem Finale: „Cruijff ist der bessere Fußballer, aber ich bin Weltmeister.“ Es geht gar nicht drum, ob Cruijff der bessere Fußballer war, „natürlich war er das“, sagt Blankenburg, sondern darum, dass Beckenbauer das bessere Spiel gegenüber dem erfolgreichen denunziert. Nur der Erfolg zählt, das war die Maxime des deutschen Fußballs, die dabei war, ihn auf die Dauer zu ruinieren.

Erst seit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw spielt die deutsche Nationalmannschaft, was die Grundordnung, die Idee des Spiels anbelangt, offensiv, obwohl zuletzt wieder so wie immer gekickt wurde. Offensivfußball durchzusetzen ist schwer.

Die Einführung der Raumdeckung in Deutschland war aus der Not geboren. Eine Mannschaft wie der SSV Ulm 1846 hatte in der Zweiten und Ersten Bundesliga nur eine Chance, weil sie mit der Raumdeckung ein überlegenes taktisches Konzept hatte, das die größeren individuellen Fähigkeiten des Gegners ausglich. Hatte der Gegner überragende Stürmer oder Mittelfeldspieler, ging Ulm unter, wie etwa beim 1:9 gegen Bayer Leverkusen.

Eine defensive Raumdeckung wie Ulm spielen heute Cottbus, Frankfurt, Bielefeld und der KSC. Die Raumdeckung bietet aber auch die Möglichkeit, offensiv zu spielen. Das haben wir nun endlich auch in Bundesliga und Nationalmannschaft.

Die Frage ist: Zwei oder drei Stürmer? Der FC Barcelona, mit zehn Punkten Vorsprung Tabellenführer der Primera División, 48 Tore in 16 Spielen, spielt unter Trainer Josep Guardiola mit drei Stürmern: Lionel Messi, Samuel Eto'o und Thierry Henry. „Guardiola ist ein Cruijff-Schüler und die spielen alle mit drei Stürmern“, sagt Blankenburg, der mit Cruijff befreundet ist.

Samuel Eto'o
Einer von drei Angreifern bei Barça: Samuel Eto'o
Foto Sebastian Vollmert


Für Blankenburg sind drei Stürmer das Maß aller Dinge: „Das ist der Fußball, den ich sehen will, das ist der schönste Fußball“, sagt er. Doch die Zahl der Stürmer ist es nicht allein. „Es geht auch ums Tempo, wie lange ist ein Spieler am Ball, bis er ihn weitergibt? Je schneller, je besser“, sagt Blankenburg.In der Bundesliga spielt nur Hoffenheim mit drei Stürmern. „Das ist doch die eigentliche Innovation die von dort kommt“, sagt Blankenburg, „nicht der Hopp, das Geld, nicht das Stadion, sondern das Spiel. Das offensive Spiel mit drei Stürmern, das ist die die Herausforderung.“

Die Frage: offensiv oder nicht, ist noch nicht entschieden. Erst wenn der offensive Fußball nicht mehr als „Hurra-Stil“ verspottet wird, ist die Sache durch.Lesen Sie auch„Cruijff konnte alles“



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