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PORTRÄT
Persönlichkeitsentwicklung am Polarkreis
Die Muskeln der Profis sind bestens trainiert, der Kopf jedoch kaum. Alexander Rosen hat es anders gemacht. Schon als Kapitän der Stuttgarter Kickers hat er 2009 Management-Aufgaben übernommen.Nun ist er sportlicher Leiter in Hoffenheim. Von Rainer Schäfer



Alexander Rosen
„Wir hatten viel mehr Eigenverantwortung": Alexander Rosen hat seine Persönlichkeit während seiner Zeit in Norwegen weiter entwickelt
Foto Gerald von Foris



Was machen die meisten Fußball-Profis, wenn Sie nicht trainieren? Sich die Zeit vertreiben, die Play-Station in Betrieb halten, ihre Kenntnisse im Poker vertiefen, on- und offline. Die Wacheren unter den Berufsfußballern melden sich zum Fernstudium an, aber zwischen der Immatrikulation und der Exmatrikulation tut sich oft nicht viel. Vor allem warten sie, warten auf das nächste Training, das nächste Spiel, die nächste Saison. Bis biologische Fakten das Karriere-Ende bestimmen und sich nicht mehr verdrängen lässt: Die Muskeln der Profis sind bestens trainiert, der Kopf jedoch kaum. Ein bekanntes Dilemma, das schon hunderte von Ex-Profis zur Stammkundschaft der Sozialämter machte.

Alexander Rosen hat es anders gemacht. Mit 25 Jahren musste er sich eingestehen, dass er als Fußball-Profi in Deutschland nicht mehr da ankommen würde, wo viele den veranlagten Mittelfeld-Spieler gesehen hatten: Stammspieler in der Bundesliga. Aber nur der Prolog in die Profi-Karriere vollzog sich unter Applaus und Schulterklopfen: Bei Eintracht Frankfurt rückte Rosen 1998 mit 19 in den Bundesligakader, er bestritt 20 Länderspiele in der U20- und U21-Nationalmannschaft, wo er sich das Zimmer mit Torhüter Timo Hildebrand teilte.

Aber nach nur vier Einsätzen in der Ersten Liga lernte Rosen, der in der bewährten Talentschmiede des FC Augsburg geformt worden war, die weniger attraktiven Fußball-Standorte kennen: Osnabrück, Saarbrücken und Elversberg, wo er vor 300 Zuschauern auflief. Wo viel Phantasie vonnöten war, um sich auf einer großen Fußballbühne zu wähnen. Rosen wollte nicht länger die Ochsentour durch die Badlands des Profifußballs machen. „Es ging nicht richtig vorwärts und nicht richtig rückwärts.“ Stagnation im Mittelmaß, ein Zustand, den Rosen nie gut ertragen konnte.

Im Dezember 2005 traf er eine ungewöhnliche Entscheidung: Rosen schloss sich dem norwegischen Zweitligisten Follo FK an, trainiert von Erland Johnsen, dem früheren Profi des FC Bayern München. Als Flucht eines gescheiterten Fußballers will er den Wechsel nicht gelten lassen. „Sportlich“, sagt Rosen, „sprach nicht viel dafür. Aber ich wollte etwas Besonderes machen. Sehen, wie ich meine Talente einsetzen kann.“

Rosen wollte frühzeitig herausfinden, ob er sich zum Fußball-Manager eignet. Er unterschrieb einen Vertrag mit einer kuriosen Stellenbeschreibung: Als Spieler und als Assistent der Geschäftsführung. Vormittags arbeitete er auf der Geschäftsstelle und lernte alle Facetten des Managerjobs kennen, nachmittags schlüpfte er in die Trainingsklamotten. Nach drei Monaten sprach Rosen fließend Norwegisch, laut Vertrag hätte er dafür ein Jahr Zeit gehabt. Aber er wollte kein Fremder bleiben, möglichst schnell der Verantwortung gerecht werden, die seine Doppelfunktion mit sich brachte.

Die Arbeit bei Follo FK bestätigte Rosen in seinen Vorstellungen, dass es mehr geben musste als den Fußball, wie er ihn in Deutschland kennen gelernt hatte: Ohne Kontrolle und Aufsicht absolvierten die Spieler individuelles Training, auch Konditionseinheiten. „Wir hatten viel mehr Eigenverantwortung, so stelle ich mir mündige Profis vor. Das würde in Deutschland so nicht funktionieren.“ Da zählt es immer noch zu den kleinen, unverzichtbaren Freuden unter Fußball-Profis, dass der Waldlauf abgekürzt wird, wenn der Trainer nicht in Sichtweite ist.

Norwegen ließ die pralle Blase Fußball auf eine gesunde Größe schrumpfen: Für Stars und Allüren war dort kein Platz, aber für Erfahrungen der extremen Art. Alexander Rosen erzielte Tore am Nordkap, in Hammerfest, der nördlichsten Stadt Europas. Als Follo FK Ende April 2007 aufbrach, zeigte das Thermometer in Oslo 17, 18 Grad, am Nordkap musste der Mannschaftsbus Schneeketten aufziehen. Als samische Hirten, die Urbewohner Lapplands, ihre Herde mit 700 Rentieren über die Autobahn trieben, musste der Bus seine Fahrt für eine Viertelstunde unterbrechen. Rosen sah die gigantischen Fjorde Norwegen und das Polarlicht wie „Laserstrahlen durch die Nacht flirren“, auf dem Heimflug von einem Auswärtsspiel. „Da lernt man Gelassenheit und weiß Fußball einzuschätzen.“ Die Erfahrungen in Norwegen waren prägend: Dort wurde in Eigeninitiative betrieben, was im deutschen Fußball immer häufiger eingefordert und als akuter Mangel beanstandet wird: Die Ausbildung der Persönlichkeit und die Schulung sozialer Intelligenz.

Nach zwei Jahren kehrte Alexander Rosen Ende 2007 nach Deutschland zurück. Den Charakterkopf kahl rasiert, reifer als sein Geburtsdatum es vermuten ließe. Die Antwort, die er gesucht hat, hat ihm das Engagement in Norwegen geliefert: „Management im Fußball kann ich definitiv machen.“ Rosen kennt die Perspektiven von Spielern und Managern. „Es ist ein großer Vorteil, schon auf der anderen Seite gearbeitet zu haben. Ich habe ein ungleich größeres Verständnis für viele Vereinsentscheidungen. Dadurch geht der Fokus weg von der egoistischen Sichtweise der Spieler.“

Der 29-Jährige weiß sich einzuschätzen. Er weiß, wo sein Kopf sitzt. Und was er ihm abverlangen kann. In die Rolle des Intellektuellen, aber will er sich nicht drängen lassen. Dafür ist er zu schlau. Er weiß, wie schwer es ist, sich von Klischees zu befreien, wenn sie erst einmal an einem haften. Rosen vermeidet kernige Sprüche, seit ein Interview ihm in der Branche nicht nur Freunde eingebracht hat. „Bei manchen Fußballern paart sich Dummheit mit Arroganz und Überheblichkeit – eine fatale Kombination“, hatte Rosen 2005 als Kapitän der Studenten-Nationalmannschaft erklärt. Eine Analyse, die er heute so nicht mehr treffen würde. „Fußballer werden nicht dümmer geboren als andere, aber sie werden geistig zu wenig gefordert, sie müssen sich nicht weiter entwickeln“, sagt Rosen.

Rosen kennt das archaische Verhalten von Männergruppen im Fußball, er hat es sich nicht zu eigen gemacht. Rosen geht lieber voran. Es fällt ihm leicht, andere zu überzeugen und mitzureißen. Als er aus Norwegen zurückkehrte, wollte er sich vorübergehend bei den Stuttgarter Kickers fit halten. Zwei Wochen später unterschrieb er einen Vertrag bis zum Saisonende. Mit einem grandios aufgelegten Rosen schafften die Kickers noch die kaum für möglich gehaltene Qualifikation für die Dritte Liga. Inzwischen ist er Kapitän bei den schlecht in die Saison gestarteten Kickers, Vertrag bis 2011. „Ich liebe Fußball viel zu sehr, um jetzt schon auf ihn verzichten zu können.“

Demnächst wird Rosen die Prüfung zum Sportfachwirt ablegen, ein Zwischenschritt in seinem Studium zum Sportökonom. Danach soll er in Stuttgart, wie schon in Norwegen, kleinere Management-Aufgaben übernehmen. Man kann es sich mühelos vorstellen: Wie Alexander Rosen der kommenden Generation von Fußball-Managern angehört, die dem deutschen Fußball gut tun wird: Intelligent, gut ausgebildet, aufgeschlossen für Überraschungen und Neuerungen. Eines steht jetzt schon fest: Dann wird auch der Kopf des kickenden Personals mittrainiert.


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