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EUROPAPOKAL
„Das ist gelaufen“
Nach dem 0:2 im Hinspiel lag Uerdingen zur Halbzeit mit 1:3 gegen Dynamo Dresden zurück. Dass die Bayer-Elf anschließend mit 7:3 gewann, machte nicht nur Trainer Kalli Feldkamp fassungslos. Es war das packendste Europacupspiel. bei dem deutsche Vereine beteiligt waren. Von Elmar Neveling

Dynamo Dresden

Der beliebteste Klub der DDR: Dynamo Dresden verlor am 19. März 1986 in einer unglaublichen Partie mit 3:7 bei Bayer Uerdingen Foto Michael Danner


Bayer 05 Uerdingen – Dynamo Dresden 7:3
Europacup der Pokalsieger 1985/86, Viertelfinale

Kalli Feldkamp ist ein selbstbewusster Mann, der nie um eine wortreiche und zielsichere Spielanalyse verlegen ist. Fast nie. Denn diesmal ist selbst Uerdingens Trainer fassungslos und versucht, das Gesehene zu begreifen: „Es ist kaum zu glauben, fußballerisch auch nicht zu erklären.“

Ein Spiel wie eine Hollywood-Schnulze. „Realitätsferne Dramaturgie“, würden die Kritiker des Feuilletons urteilen. Doch im März 1986 wird die Schnulze zur Realität. Es ist noch die Zeit vor Wende und Mauerfall, der Anfänge von Glasnost und Perestroika. Im Viertelfinale des Europacups der Pokalsieger treten Dynamo Dresden und Bayer Uerdingen zum deutsch-deutschen Duell an. Dynamo stellt ein glänzendes Team mit späteren Bundesliga-Stars wie Ulf Kirsten oder Matthias Sammer, dessen Vater Klaus auf der Trainerbank sitzt.

Nach den ersten 45 Minuten des Rückspiels scheint die Entscheidung bereits gefallen. Uerdingen hatte das Hinspiel in Sachsen mit 0:2 verloren und liegt nun auch in der Grotenburg-Kampfbahn mit 1:3 hinten. „Das ist gelaufen“, spricht ZDF-Kommentator Rolf Kramer ins Mikro und niemand mag ihm widersprechen. Schließlich fehlen Bayer satte fünf Tore zum Erreichen der nächsten Runde „In der Halbzeit haben wir uns geschworen, uns mit Würde aus dem Wettbewerb zu verabschieden", erzählt Feldkamp später. Sammer muss nach knapp einer halben Stunden ebenso ausgewechselt werden wie zur Pause Torhüter Bernd Jakubowski, dessen Schultergelenk nach einem Foul von Bayers Wolfgang Funkel gebrochen ist. Dennoch, der Zwischenstand duldet keine Zweifel am Dresdner Weiterkommen.

Zu Wiederanpfiff ist die kleine Arena halbleer, viele der 22.000 Zuschauer haben das Stadion bereits enttäuscht verlassen – und eilen hastig wieder zurück, als sie von den schier surrealen Ereignissen hören. Erst in der 58. Minute gelingt Uerdingen der zweite Treffer, Wolfgang Funkel trifft vom Elfmeterpunkt. Schlag auf Schlag geht es weiter: Die Bayer-Profis lassen keinen Zentimeter Rasen unbeackert, Dynamo zieht sich verschreckt zurück. Larus Gudmundsson, Ralf Minge mit einem Eigentor, Dietmar Klinger, der unbedrängt durchs Mittelfeld spazieren kann, und erneut Funkel per Handelfmeter schießen innerhalb einer guten Viertelstunde ein 6:3 für Uerdingen heraus.

Bayer-Keeper Werner Vollack, zuvor noch Einpeitscher der verbliebenen Fans, bewahrt sein Team mit drei fantastischen Paraden binnen einer Minute vor dem Ausscheiden, ehe Wolfgang Schäfer mit einem unwiderstehlichen Sololauf aus der eigenen Hälfte heraus den 7:3-Schlusspunkt setzt. Sechs Tore in einer halben Stunde, das „Wunder von der Grotenburg“, es ist vollbracht! Unterstützt allerdings von manch umstrittener Entscheidung des ungarischen Referees Lajos Nemeth.

„Es gibt Situationen (…), in denen sprechen Bilder, da muss man nichts mehr kommentieren“, befindet Kramer und ahnt bereits: „Das ist ein Spiel, aus dem Europacup-Legenden gewoben werden.“ Wolfgang Funkel weint nach dem Spiel Freudentränen: „Mir ist vor lauter Glück schwindelig“, stammelt der dreifache Torschütze. Ein Zustand, der sich so rasch nicht ändert, denn die Mannschaft feiert die einzigartige Aufholjagd mit zwei eilig organisierten Kästen Bier.

Für die Sachsen ist es fast ein Déj√†-vu, nachdem sie im Vorjahr bereits ein 3:0 gegen Rapid Wien noch mit einem 0:5 in Österreich verspielt hatten. Jakubowskis noch unerfahrener Vertreter Jens Ramme übernimmt deprimiert für zwei Gegentore die Verantwortung und verlässt Dynamo ein gutes Jahr später, nachdem der Keeper seinen Stempel als Sündenbock nicht loswird. Das Spiel erfährt nachträglich eine brisante politische Note: Dynamo-Stürmer Frank Lippmann, Torschütze in Hin- und Rückspiel, nutzt den Aufenthalt im Westen zur Flucht; sein Trainer Klaus Sammer wird nach Saisonende durch „Ede“ Geyer ersetzt. Bayer 05 hingegen findet im Europacup-Halbfinale gegen Atlético Madrid seinen Meister.

Traurig, was inzwischen aus beiden Klubs geworden ist: Ohne die Unterstützung des Bayer-Konzerns dümpelt der heutige KFC Uerdingen 05 in der Verbandsliga Niederrhein umher und stand bereits kurz vor der Insolvenz. Auch Dynamo Dresden fristet in der dritten Liga nur ein Schattendasein früherer Erfolgszeiten.




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