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PORTRÄT
Ein harter und sentimentaler Hund
Er wollte zuviel zu schnell mit seiner Elf erreichen. Bruno Labbadia ist beim Hamburger SV im Frühjahr 2010 auch an seinem großen Ehrgeiz gescheitert. Ein Porträt von Roger Repplinger

Bruno Labbadia

Ehrgeizig, aber auch sentimental: Bruno Labbadia, Trainer des Hamburger SV
Foto Henning Angerer/Hoch Zwei


Mitte der Woche, am späten Vormittag, auch bei Regen und Wind, kann es passieren, dass ein blauer Trainingsanzug um die Außenalster rennt. Auf dem Anzug steht „BL“ und in ihm steckt Bruno Labbadia, Cheftrainer des Hamburger SV.

Der Mann braucht das. Das Training lastet ihn nicht aus. Beim Training kämpfen seine Jungs miteinander. Er schaut zu, korrigiert, aber er kämpft nicht. Jedenfalls nicht mit sich. Das bekommt er, wie wir alle, an der Alster.

Er läuft ziemlich schnell. Er hat nicht zugenommen, seit er als Spieler aufgehört hat. Wer vom Spieler Bruno Labbadia spricht, einem für diese Position vergleichsweise klein gewachsenen Mittelstürmer, kommt unweigerlich auf den Ehrgeiz zu sprechen. Ehrgeiz ist eine seiner wichtigsten Eigenschaften. Ehrgeiz treibt ihn an. Der Profisport ist eine Versammlung ehrgeiziger Menschen. Ohne kommt man hier nicht weit. Sozialer Ehrgeiz, raus aus dem Herkunftsmilieu, kompetitiver Ehrgeiz, den anderen besiegen, Ehrgeiz in Bezug auf Geld und Statussymbole. Es gibt unterschiedliche Mischungsverhältnisse.

In Profi-Fußballmannschaften treffen sich die außergewöhnlich Ehrgeizigen. Trainer, Spieler, Vorstände. Es kann passieren, dass sich zu viel Ehrgeiz auf zu engem Raum ballt. Dann knallt's. Bruno Labbadia ist jemand, der es so weit treiben kann. Ehrgeiz ist ein Topf auf einem Feuer. Das Problem ist, dass der Ehrgeizige im Topf sitzt und gleichzeitig das Feuer ist, auf dem er brutzelt. „Ich hab' gespielt wie 'ne Bratwurst“, sagte Labbadia am 6. September 2009, dem Tag der Legenden, als er den Führungstreffer für die Hamburger Mannschaft schoss.

Ist doch völlig egal, wie man da spielt. Ihm nicht.

Niederlagen des HSV nimmt er persönlich. Als Hinweis darauf, dass er was falsch gemacht hat. Deshalb sucht er die Schuld bei anderen. Als Jér√¥me Boateng, 21 Jahre alt, beim Spiel gegen Gladbach gefoult wird, humpelt, Schmerzen hat, reagiert Labbadia nicht. Er ist wie eine Mutter, die zusieht, wie ihr Kind sich verbrüht, und nicht eingreift. Aus erzieherischen Gründen. Später moniert Labbadia das Fehlen „eindeutiger Zeichen“ seitens Boateng, deshalb habe er ihn nicht ausgewechselt. Erziehung auf die unmenschliche Tour.

Die Labbadias sind eine italienische Einwandererfamilie. Als der NDR in seiner Sendung „Sportclub“ den Vater im Haus in Darmstadt zeigt, im Unterhemd, den Bruder, die Jugendtrainer, da wird Bruno Labbadias Stimme brüchig. Er kommt aus kleinen Verhältnissen, sozial und was den Fußball anbelangt. Er beginnt beim FSV Schneppenhausen und dem SV Weiterstadt. Danach stürmt Labbadia für den SV Darmstadt 98, der mal eine gute Adresse im Profifußball war. In der Saison 1987/88 für den Hamburger SV, 41 Spiele, elf Tore, für den 1. FC Kaiserslautern, mit dem er 1990 DFB-Pokalsieger wird. Zwei der drei Treffer zum 3:2-Sieg über Werder Bremen macht er. In der nächsten Saison wird er mit dem FCK Deutscher Meister.

Von 1991 bis 1994 kickt er für den FC Bayern München, in seiner letzten Bayern-Saison wird er erneut Meister. Er geht zum 1. FC Köln, ist von 1995 bis 1998 beim SV Werder Bremen, wechselt zu Arminia Bielefeld, wird dort in der Saison 1998/99 mit 28 Treffern Torschützenkönig der Zweiten Liga, und beendet seine Profikarriere beim Karlsruher SC.

Seine Geste waren die gezogenen Revolver, Labbadia war der „Pistolero“. Er ist der einzige Bundesligaprofi, der sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Liga mehr als 100 Tore schoss.

Auch seine Trainerkarriere beginnt beim SV Darmstadt 98. Im Mai 2003 keine gute Adresse mehr. Aufstieg in die Regionalliga. In der folgenden Saison Platz fünf, dann verpasste er sein Ziel, den Aufstieg in die Zweite Liga – und geht.

In der Saison 2007/08 trainiert er die SpVgg Greuther Fürth in der Zweiten Liga. Er wechselt, trotz Vertrag bis 2009, vor der Saison 2008/09 zum Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen. Leverkusen spielt in der Vorrunde brillanten Fußball, Tabellenführung, es sieht nach dem großen Erfolg aus, hinter dem Bayer jahrelang vergeblich her war. Der damalige HSV-Trainer Martin Jol sah in Leverkusen „die beste Mannschaft der Bundesliga“. Dann stürzt Leverkusen ab, am Ende bis auf Rang neun. Zerwürfnis zwischen Labbadia und der Mannschaft. Es gibt Bayer-Spieler, die reden hinter vorgehaltener Hand nicht gut über ihn.

Kurz vor dem DFB-Pokalfinale, das Bayer mit 0:1 gegen den SV Werder verliert, erscheint ein Interview in der Süddeutschen Zeitung. Labbadia beklagt die fehlende Zusammenarbeit mit Präsident Wolfgang Holzhäuser. Sportdirektor Rudolf Völler und etliche Spieler sind sauer. Pokal-Niederlage und Interview führen dazu, dass Labbadia die Freigabe bekommt und als Jol-Nachfolger zum HSV wechseln kann.

Unter Labbadia wird viel trainiert. Und hart. Nach dem Training Fehleranalyse per Videostudium, Taktikbesprechungen. Lange. Labbadia verlangt viel. Er muss aufpassen, dass er es nicht übertreibt. Auch bei Boateng. Er hat ihn mal vom Training nach Hause geschickt, weil ihm die Körperhaltung nicht passte. Boateng, der eine große Saison spielt, ist gechilled. So spricht er, so steht er manchmal da. Oder eher rum. Labbadia denkt, dass er aus Boateng mehr herausholen könnte, wenn der anders drauf wäre. So wie er früher. Sie haben einiges gemeinsam. Labbadia und Boateng.

Und doch so wenig. Boateng ist Labbadias Nagelprobe. Nur wenn Labbadia lernt, dass er Boateng kaputt macht, wenn er ihn zu stark unter Druck setzt, wird er ein guter Trainer. Nur wen er lernt, dass Boateng anders ist, und ihn so lässt, wird Boateng besser.

Wer Bruno Labbadia ist, wurde vor ein paar Tagen deutlich. Bei der Weihnachtsfeier des „Hamburger Weg“. Menschen mit Wünschen konnte diese auf Zettel schreiben und an Bäume hängen. Menschen, die Wünsche erfüllen wollten, nahmen die Zettel kauften ein. Die beiden Gruppen trafen sich beim HSV, mit Mannschaft und Trainern, die Autogramme schrieben.

Labbadia schrieb, bis eine ältere Frau kam. Die beiden sprachen hessisch. Sehr hessisch. Labbadia ließ Grüße ausrichten und die Hand der Frau nicht mehr los. Seine Stimme klang wie im „Sportclub“. Er ist ein harter und sentimentaler Hund. Nicht ungefährlich, diese Kombination.


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