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DERBY
„Am Ende sind wir doch alle Hamburger!“
Das Derby ist zwar ins Wasser gefallen, aber HSV-Fan Lotto King Karl hat dennoch eine klare Meinung, wer die Nummer eins in Hamburg ist. Interview René Gralla

Lotto King Karl

Morgen wird er die HSV-Hymne vor dem Derby singen: Lotto King Karl
Foto Pixathlon


Mit Ihrer Band Barmbek Dream Boys kultivieren Sie ein geradezu proletarisches Image. Was macht dann der Barmbeker Jung’ ausgerechnet beim HSV, der gern eine großspurige Aura verbreitet? Warum sind Sie nicht beim FC St. Pauli?

Lotto King Karl: Ich bin mit meinem Vater als Sieben- oder Achtjähriger zum ersten Mal im Stadion gewesen. Das war beim HSV, und so bin ich da reingewachsen. Was nicht heißen soll, dass ich etwas gegen St. Pauli habe. Ich kenne zum Beispiel St. Paulis Trainer Holger Stanislawski sehr gut. Ich sehe das Ganze total entspannt.

Das ist doch in Hamburg fast eine ideologische Frage, ob jemand die Farben von St. Pauli oder HSV trägt. Hardcore-Fans von St. Pauli verstehen sich selber als Linke, um sich gegen die HSV-Anhänger abzugrenzen …
Lotto: … ehrlich gesagt, das geht aber auch irgendwann zu weit! Klar, bei St. Pauli halten die sich viele für die Fortschrittlichen, insofern sind die beiden Mannschaften HSV und St. Pauli zwei gegensätzliche Pole. Andererseits ändert sich das ja auch gerade, mit dem neuen Stadion findet bei St. Pauli offenbar ein Umdenken statt. Nebenbei kann ich es gut verstehen, dass manche Leute bei St. Pauli damit jetzt Probleme haben, es sieht auch wirklich ein bisschen seltsam aus, wenn Punks zwischen diesen Glaswänden stehen. Aber Fußball ist eben ein Geschäft, und auch St. Pauli kann sich nicht ganz davor verschließen.

Der Kommerz bei St. Pauli hat mittlerweile derart heftige Formen angenommen, dass sogar die Reeperbahn-Stripperinnen von „Susi’s Showbar“ eine eigene Loge haben!
Lotto: Irgendwann sollte der Firlefanz drumrum tatsächlich mal gut sein. Das sportliche Geschehen darf niemals in den Hintergrund gedrängt werden!

Gleichzeitig müssen Sie als HSV-Fan selber ziemlich leidensfähig sein. Denken wir allein an das jüngste Chaos in der Führungsspitze, Stichwort: der gescheiterte Versuch, DFB-Sportdirektor Matthias Sammer für den HSV zu verpflichten.
Lotto: Da übernehme ich eine Formulierung von Trainer Armin Veh: „Gott sei Dank muss ich dazu nichts sagen.“

Ihr Kapital als Künstler ist das Authentische: die ehrliche Haut aus Barmbek. Noch einmal: Wie passen Sie zu einem HSV, der die Legionärstruppe schlechthin in die Bundesliga schickt?
Lotto: Aber dann nennen Sie mir mal die Mannschaft, in der nur Spieler aus der Region auflaufen! Und seien wir ehrlich: St. Paulis Neuzugang Gerald Asamoah ist auch nicht in der Hein-Hoyer-Straße hinter der Reeperbahn geboren. Außerdem komme ich aus Barmbek und damit aus einer Ecke, wo ein multikulturelles Umfeld normal ist. Wer ist denn eigentlich ein „echter“ Hamburger? Hamburg ist eine internationale Stadt, und ich kenne Leute, die sind vor 30 Jahren aus Ägypten nach Hamburg gezogen, und die leben heute länger in Hamburg als manche, die darüber schwadronieren, wer sich als Hamburger bezeichnen darf und wer nicht.

Ihre Prognose für die Saison, in die der HSV mal wieder voll großer Hoffnungen gestartet ist – bis die üblichen Rückschläge kamen, zuletzt die 0:2-Klatsche in Nürnberg?!
Lotto: Internationale Ränge sind noch immer zu machen, glaube ich. Erstmal muss eine kleine Serie her.

Und der Derby-Gegner St. Pauli? Können die den Klassenerhalt schaffen?
Lotto: St. Pauli ist mit einer der stärksten Mannschaften seiner Vereinsgeschichte in die Erste Liga aufgestiegen, sie haben eine Chance – aber sie müssen sich auch sehr anstrengen.

Ihre Verbindung zwischen Fußball und Rockmusik ist ziemlich ungewöhnlich im Musikgeschäft.
Lotto: … Herbert Grönemeyer hat es eben Anfang der 80-er Jahre verpasst, sein „Bochum“ immer live im Stadion zu singen, sonst wäre er der Erste gewesen.

Außerdem sind Sie der einzige unter den Rock- und Pop-Kollegen, der mit der Behauptung, sechs Richtige im Lotto gehabt zu haben, den Durchbruch geschafft und einen Hit gelandet hat: „Ich hab’ den Jackpot“.
Lotto: Wenn das so wäre, dass ich nicht gewonnen hätte, dann wäre ich der Letzte in der Branche, der Miete und Brötchen noch damit bezahlen könnte, dass er mit Musik sein Geld verdienen würde ... netter Versuch!

Sie bleiben bis heute bei Ihrer Story vom Lottogewinn?
Lotto: Selbstverständlich!

Einer Ihrer weiteren Titel, nämlich „Da ist die Tür“ zusammen mit Roberto Blanco, hat bereits vor 15 Jahren den Irrsinn der Castingshows persifliert.
Lotto: Im Nachhinein ist das fast schon prophetisch. Die Castingshows im Fernsehen erzeugen die Illusion, „wenn du berühmt bist, bist du automatisch reich und wirst automatisch glücklich“ – und das ist natürlich Quatsch. Dagegen ist das viel geschmähte Legionärswesen im Fußball geradeaus und ehrlich.

Nun kommt St. Pauli zum Rückrundenspiel der Bundesliga ins HSV-Stadion. Anlässlich der zweiten Auflage des Hamburger Stadtderbys werden die Fans beider Mannschaften hoffentlich gemeinsam Ihre Fußballhymne singen: „Hamburg, meine Perle!“
Lotto: Mal sehen. Beim Hinspiel des HSV im St. Pauli-Stadion – die haben dort die schöne Tradition, auch die Hymne der Gästemannschaft zu spielen - habe ich leider feststellen müssen, dass einige St. Pauli-Fans meinen Song absolut ablehnen, obwohl das Lied doch gar nicht gegen ihre Mannschaft gerichtet ist. Damit muss ich leben, nachdem ich mich auf das dünne Eis begeben habe, mich zu einem Fußballverein zu bekennen. Weil es immer Leute geben wird, die den betreffenden Verein überhaupt nicht mögen. Meine Botschaft an die Fans beider Vereine lautet: Letztendlich sind wir doch alle Hamburger!


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