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PORTRÄT
Der den Ball sprechen lässt
Skeptiker hatten ihn eindringlich gewarnt, nicht zu früh zu einem Großklub wie Real Madrid zu wechseln, aber er wollte weiter: Mesut Özil, der stille Spielmacher der Nationalelf, hat sich auch in Spanien durchgesetzt. Von Jörg Marwedel

 

Mesut Özil gegen Andrés IniestaFoto Pixathlon

 

Die neue Zeit in Madrid hat Mesut Özil auf den ersten Blick nicht verändert. Das Trikot der Königlichen von Real Madrid trägt er mittlerweile mit einer Selbstverständlichkeit, als sei es speziell für ihn erfunden worden. Ansonsten ist er noch immer der stille junge Mann, der trotz seiner spanischen Übungsstunden in der neuen Sprache nicht viel mehr herausbringt als „Buenos dias“, guten Tag. Auch in der Stadt sieht man ihn kaum, meist verschanzt er sich in seinem neuen Haus im Prominentenstadtteil La Moraleja. Doch wenn die Aficionados in den Cafés und Bars Madrids über „Ozil“ sprechen, schnalzen sie mit der Zunge und es hagelt Komplimente für den deutschen Nationalspieler. Und das ist in der Stadt des berühmtesten Fußballklubs der Welt, der schon so viele Jahrhundertstars beschäftigt hat, wirklich ungewöhnlich.

 

Buch NationalelfDieser Text ist entnommen aus: "Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" von Matthias Greulich (Herausgeber) und Sven Simon, Copress Verlag, 176 Seiten, ISBN 978-3-7679-1048-5, 19,95 Euro

 

Mesut Özil wird in Madrid mit den Ausnahmespielern des Planeten verglichen. Mit dem aktuellen Weltfußballer Lionel Messi oder Zinédine Zidane, der zuletzt 2003 den Goldenen Ball gewann. Was viele nicht wissen: Mesut Özil wurde schon in Bremen von seinen Kollegen „Messi“ genannt. Weil er ähnlich flink ist im Tempodribbling. Und technisch so perfekt, dass ihm, wie Scouts aus England und Spanien herausfanden, selbst auf engstem Raum nur zwei von zehn Bällen verloren gehen. Seine Auffassungsgabe erinnert an einen exzellenten Schachspieler. Und wie Messi ist Özil kein lauter Wer-beträger in eigener Sache. Er lässt lieber den Ball sprechen.

Doch weil er in Madrid und nicht in Barcelona spielt, ziehen die Madrilenen lieber die Parallele zu Zinédine Zidane, dem früheren Real-Superstar. Zu Jahresbeginn nannte ihn die Sportzeitung „Marca“ wieder „den kleinen Zidane“. Und auch das ist zumindest im Ansatz ebenfalls nicht falsch. Denn Zidane war schon als Kind Özils Idol. Sogar einige Tricks hat er ihm als Jugendlicher abgeschaut. Einer, verriet er, geht so: „Du jonglierst den Ball zwischen der linken und der rechten Sohle, um dich dann auf einmal so schnell vom Gegner wegzudrehen, dass er dich nicht aufhalten kann.“

Und doch gab es, als er im Sommer 2010 das Angebot von Real Madrid annahm, viele skeptische Stimmen. So, als traue man diesem Burschen, dem man jedes Wort aus der Nase ziehen muss, trotz seiner guten Weltmeisterschaft in Südafrika den nächsten Schritt noch nicht zu. Matthias Sammer, der Sportdirektor des DFB, warnte ihn: „Ein junger Spieler sollte nicht zu einem internationalen Topklub gehen.“ Auch Werder-Sportchef Klaus Allofs hätte Özil am liebsten eine längere Ausbildungszeit in Bremen verordnet. Dass sich Özil zu Werder-Zeiten schon als „Nummer zehn“ sah, damit war Allofs nicht einverstanden. „Er ist ein außergewöhnlich guter Spieler, aber er prägt nicht unser Spiel.“

Auch bei Real prägt Özil noch nicht das Spiel. Dafür ist er zu jung, er ist eher ein brillanter Helfer für die so genannten Führungsspieler, ob sie nun Cristiano Ronaldo, Xabi Alonso oder Angel di Maria heißen. Aber seinen Platz hinter der Angriffspitze hat er fast sicher. Die Mitspieler haben, wie er selbst sagte, inzwischen „längst gemerkt, dass ich sie auch in Szene setzen kann.“ Özil läuft viel, niemand würde auf die Idee kommen, ihn eine „Diva“ zu nennen. Und selbst Ronaldo, der oft als sehr egoistisch erlebt wird, lässt den Deutschen inzwischen einige Freistöße schießen, was sein gestiegenes Ansehen im Kollegenkreis dokumentiert.

Mesut Özil ist der neue, internationale Spielertyp. Einer, der sich überall durchsetzen wird. Der Migra-tionshintergrund des gläubigen Moslems ist nur in Deutschland und der Türkei ein großes Thema. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihm nach dem Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Türkei in der Kabine gratulierte. Oder für den türkischen Staatpräsidenten Gül, der auf der Titelseite der „Süddeutschen Zeitung“ mit dem Satz zitiert wurde: „Es ist gut, dass Özil für Deutschland spielt.“

In Özils Kindheitserinnerungen dreht sich fast alles um Fußball: Er habe in Gelsenkirchen immer mit Bosniern, Libanesen, Türken und Deutschen auf dem Bolzplatz gespielt, dem „Affenkäfig“ in der Olgastraße. „Ich habe es genossen, mit den vielen Kulturen aufzuwachsen“, sagt er. Mesut Özil weiß aber genau, was an ihm Deutsch ist. „Die Disziplin“, die habe er in der Jugend gelernt. Und die hilft ihm nun in Spanien.

Für viele Deutsch-Türken ist er ein Vorbild, er zeigt, dass man es schaffen kann, Karriere zu machen. José Morinho, sein Trainer bei Real, mag an Özil besonders den Straßenfußballer – eine Spezies, die eigentlich in Deutschland als ausgestorben gilt, weil es mehr Autos gibt als ballspielende Kinder. Dass er noch ein wirklicher Straßenfußballer ist, konnten aufmerksame Zuschauer einen kurzen Moment im Fernsehen beobachten. Da wurde vor einem Bundesliga-Spiel gezeigt, wie Özil irgend ein kleines Ding immer wieder mit dem Fuß davon abhielt, zu Boden zu fallen. Wie einen Ball, den man auf diese Weise hochhält. Dieses kleine Ding aber, so hat Özil später beiläufig verraten, war ein ausgespucktes Kaugummi, das tausendmal schwieriger mit dem Fuß in der Luft zu halten ist als das Spielgerät.

Einer hatte schon 2005 geahnt, dass Mesut Özil dereinst „der neue deutsche Superstar werden kann“. Michael Kulm, sein damaliger Trainer bei Rot-Weiß Essen, urteilte: „Mesut wird nicht abheben, satt sein, sondern weiter hart arbeiten – wegen seines Charakters, seiner Ruhe und seiner Bescheidenheit.“

 

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Mesut ÖzilBetet vor jedem Spiel: Mesut Özil, hier vor dem Länderspiel im Februar gegen Italien Foto Pixathlon



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