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INTERVIEW TEIL 2
„Die Schere zwischen reichen und armen Klubs geht weiter auseinander“
Die Liga steckt nach der Entscheidung des Kartellamtes zu den TV-Rechten im Dilemma. Unternehmensberater Thomas Kupfer hat die Stärken und Schwächen vieler Klubs analysiert. Er plädiert für die Abschaffung der 50+1-Regel. Interview Matthias Greulich

Liverpool
"Wir wollen Pokale in der Vitrine, keine Becher auf dem Kamin": Die Fans des FC Liverpool wollen wieder die Champoion League gewinnen, davon träumt Bayern München seit dem letzten Erfolg 2001. Die Klubs der Premier League sind momentan die wettbewerbsstärksten der Welt. Foto Hochzwei


RUND: Herr Kupfer, aber auch höhere Einnahmen bei den TV-Geldern bedeuten nicht zwangsläufig besseren Fußball in Deutschland?

Thomas Kupfer: Interessanterweise sind unsere deutschen Klubs international nicht selten gegen Vereine aus Ligen ausgeschieden, die deutlich weniger Fernsehgeld bekommen. Das zeigt, dass die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Rasen nicht vorrangig von der Höhe des Fernsehgeldes diktiert wird. Mannschaftsbildung und -entwicklung, Training, Ausbildung, vielseitige fachliche Betreuung usw. stehen im Mittelpunkt der Arbeit unserer Bundesligisten, wenn es darum geht, die Wettbewerbsstärke zu erhöhen. Es wäre wünschenswert, weniger ausländische Durchschnittsspieler, aber den einen oder anderen Spitzenspieler verpflichten zu können. Für besseren Fußball brauchen wir aber mehr Fußballklubs, die kompletter wettbewerbsstark sind. Dazu müssen an mehr Liga-Standorten die Fußballklubs als Unternehmen mit voller Hoheit über all ihre Kerngeschäftsfelder weiter entwickelt werden.

RUND: Kann man mit dieser Strategie mit einem Roman Abramowitsch mithalten, der in Chelsea die teuersten Spieler der Welt zusammen kauft?

Thomas Kupfer: Es stimmt. Einige ausländische Konkurrenten, auch solche aus finanziell kleineren TV-Märkten, sind stärker geworden durch Gelder ihrer privaten Eigentümer. Hier könnten unsere Klubs aufholen, wenn die hemmende 50+1-Vorschrift durch moderne Rahmenbedingungen ersetzt würde. Das könnte beispielsweise in der Lizenzierungsordnung erfolgen. Auch würden damit hinderliche Einflüsse auf die Unternehmensführung zurückgedrängt und unnötige Querstrukturen entfallen.

RUND: Bislang ist die Abschaffung der 50+1-Regel im deutschen Profifußball nicht mehrheitsfähig. Warum?
Thomas Kupfer: Vielleicht befürchten einzelne Verbands- oder Klubvorstände auch einen Machtverlust, wenn es die 50+1-Vorschrift nicht mehr gäbe. Bisher wird diese Vorschrift von jenen, die sich notwendigen Verbesserungen verweigern, fälschlicherweise als Garantie für eine „Integrität der Wettbewerbe“ und gegen „Fremdbestimmung“ angepriesen. Die 50+1-Vorschrift wirkt jedoch praktisch nicht anders als: Wir verschließen uns zwar privaten Unternehmern, lassen die Klubs jedoch sehenden Auges in die Abhängigkeit von Multi-Totalvermarktern abgleiten. Diese dirigieren mittel- und unmittelbar ganze Gruppen von Klubs derselben Liga und untergraben damit faktisch die Wettbewerbsintegrität. Zudem werden wichtige Unterschiede zwischen dem Engagement eines privaten Unternehmers und den zahlreichen Übernahmen von Kerngeschäftsbereichen der Fußballklubs durch Multi-Großvermarkter sowie die Effekte für die Integrität der Fußball-Wettbewerbe unzureichend beachtet: Private Eigentümer engagieren sich jeweils nur bei einem Klub, während Multi-Totalvermarkter bei vielen Klubs im Boot gleichzeitig steuern, auch in derselben Liga. Und deren Finanzierungen erfolgen über Darlehen bzw. als Vorauszahlungen. Was schadet in der Konsequenz dem Fußball? Doch wohl die Untergrabung der Integrität und die Aushöhlung des Wettbewerbs. Insgesamt braucht es im deutschen Fußball ein neues Denken und Handeln, um die Arbeitsgrundlagen zu verbessern und unsere Clubs in ihrer kompletten Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

RUND: Häufig wird beklagt, dass die Schere zwischen den armen und reichen Klubs auseinander gegangen ist. Sehen Sie das genauso?
Thomas Kupfer: Ja. über die letzten fünfzehn Jahre wurde durch die verbands- und ligagesteuerte Verteilung der gewachsenen Fernsehgelder die Schere zwischen der Spitze und den Klubs aus der Abstiegszone sowie auch zwischen den Ligen weiter geöffnet. Richtig ist das Bemühen der Liga, die TV-Erlöse im Interesse des deutschen Klubfußballs zu steigern. Problematisch ist das Verteilungsschema in und zwischen den Ligen. Es macht schon etwas aus, wenn der Letzte allein von den nationalen TV-Geldern nur 40 Prozent von dem bekommt, was der Erste hat, und die unteren Ligen, die Basis der Fußballpyramide, nur Brosame erhalten. Aber in Italien, Spanien oder auch in England ist die Schere noch viel weiter auseinander gegangen.

RUND: Aber die großen Klubs wollen doch noch einen größeren Anteil?
Thomas Kupfer: Stimmt. Die Forderung nach mehr Fernsehgeldern kommt insbesondere von den Spitzenklubs. Das ist aus ihrer Interessenlage auch nachvollziehbar. Sie stehen nach jeder erfolgreichen Saison insgesamt viel häufiger im europäischen Wettbewerb als ihre kleineren nationalen Konkurrenten. Andererseits: Die umfangreiche Fernsehberichterstattung wirkt bis in den Amateurfußball hinein. Der Landesligist, der früher 800 Zuschauer hatte, hat jetzt vielleicht noch 120. Auch für die Basis des Fußballs sind Hilfen dringend nötig. Ich halte es für eine wesentliche Aufgabe des DFB, der Regional- und Landesverbände sowie der Ligagesellschaft, im Interesse des gesamten Fußballs ein besseres Modell zum Einsatz der Gelder zu finden. Über viele Jahre hat man doch meistens rechtzeitig vernünftige Kompromisse gefunden.

RUND: Gefährdet man durch die Erhöhung der TV-Einnahmen andere Vermarktungseinnahmen?
Thomas Kupfer: Das kann die Folge sein, muss aber nicht. Hier sind Kreativität und unternehmerische Initiativen gefragt. Es gibt verschiedene Geschäftsfelder, wo Erträge maximiert werden können und Ertragsbereiche, die erschlossen werden können.
Zwiespältig ist aber: Die DFL bringt mit Sirius einen Vermarkter mit hinein, der das natürlich nicht umsonst macht.

RUND: So hat sich auch HSV-Präsident Bernd Hoffmann geäußert.

Thomas Kupfer: Zu fragen wäre unter anderem: Sind die Vereinbarungen zwischen DFL und Sirius wirklich die einzige oder gar die beste Option für den Ligaverband? Warum realisiert man das nicht auf dem Weg der Direktvermarktung? Mit einem Teil des Geldes, das Sirius verdient, könnte sich die DFL eine kompetente TV-Vermarktungsabteilung leisten. Dabei könnte man auch die Beträge erhöhen, die dann am Ende tatsächlich an die Klubs fließen.

RUND: Wo können die Klubs noch handeln?

Thomas Kupfer: Ein weiteres Gebiet, auf dem Mehreinnahmen möglich sind, ist die internationale Vermarktung der Bundesliga. Daran arbeitet der deutsche Fußball inzwischen, meines Erachtens jedoch nicht nachhaltig genug. Für eine bessere internationale Vermarktung benötigen wir auch wieder größere internationale Erfolge der Klubs, die Nationalmannschaft ist seit Klinsmann und Löw auf einem guten Weg. Zugleich sollten wir die Entwicklungen des Fußballs in den ins Visier genommenen Partnerländern viel systematischer fördern So wäre insbesondere in Indien, einem der Schwerpunktländer, auf längere Sicht eine komplexere Unterstützung für beide Seiten vorteilhaft. Dabei müsste zunächst einmal eine Harmonisierung der Fifa-Programme und der faktisch bisher nur punktuellen Aktionen von DFB, DFL und Bundesligaklubs erfolgen.


Lesen Sie in Teil 3 des Interviews mit Thomas Kupfer, ob der Einfluss von Vermarktern wie Sportfive schwindet und zu welchen Vermarktungsstrategien er den Bundesligisten rät.

Sehen Sie auch: F.A. Thomas Kupfer: Erfolgreiches Fußballclub Management – Analysen_Beispiele_Lösungen, Verlag Die Werkstatt, 654 Seiten, 275 Grafiken (plus CD.)
Mehr auch zur 2. Auflage von Buch und CD auf: www.fc-management.com






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